Brain vs. Pain

Was so an einem Läufer dran ist, lässt sich durch einfaches in Augenschein nehmen ziemlich einfach identifizieren. Ein Kopf, zwei Arme, eine Körpermitte und unten das wohl wichtigste, die Beine. Drumherum noch die ein oder andere neonbunte Kleidungsschicht, schmales Gesicht, dünne Arme und eine GPS-Uhr. Fertig ist der Läufer.

Selbst wenn ein Läufer nicht in seinem natürlichen Umfeld (den Laufstrecken) ist, kann ihn der gewiefte Anthropologe vom Nichtläufer unterscheiden. Dürr bleibt er auch in Alltagskleidung. Allerdings trägt er gerne mal die gleiche Uhr und auffällig oft Laufschuhe abseits der Lifestyle-Marken. Zudem verwendet er leicht abweichendes Vokabular und pflegt einen wiedersprüchlichen Ernährungsstil.

Damit bleibt festzuhalten, auch ein Läufer der nicht läuft bleibt ein Läufer. Nicht die Tätigkeit des Laufens an und für sich, sondern sein Auftreten sowie Denk- und Handlungsmuster kennzeichnen den Läufer.

Soweit mal vorab. Der nicht laufende Läufer kann viele Gründe haben nicht zu laufen. Beispielsweise wurde er gerade von seiner Familie für die ständige Lauferei geächtet. Vielleicht tapert er gerade oder befindet sich in der OffSeason. Im schlimmsten Fall hat er sich aber verletzt.

Auch ein verletzter Läufer bleibt ein Läufer, wobei er eine gewisse Metamorphose durchläuft wie Sebastian in seiner „Funktionsweise des verletzten Läufers“ aufgezeigt hat. Ein wunderbarer Prozess, der so oder so ähnlich schon tausendfach erfolgreich verlaufen ist. Einzig die Dauer unterscheidet sich.

Nun ist aber so ein Läufer eben nicht nur zwei Beine, zwei Arme ein Oberkörper und ein Kopf – sondern der Läufer ist auch im Kopf drin. Den Läufer triebt sein Selbstverständnis an, dass sein Kopf die volle Kontrolle über den Rest des Körpers hat. Der Läufer legt fest, was er leisten will und testet seine Grenzen. Im Training bringt er die körperliche Leistungsfähigkeit und die mentale möglichst Deckungsgleich. Er arbeitet an seinem Fokus, er lernt Hürden zu überwinden und Schmerzen auszuhalten in dem Wissen, dass es hinter der Hürde einfacher wird. Der Gedanken an den Sport nistet sich in vielen kleinen Nischen im Kopf ein.

Ein trainierter Läufer hat gelernt, dass vorhandene Grenzen überwindbar sind, dass die eigene Leistungsfähigkeit weit hinter dem endet, was man Anfangs glaubte leisten zu können. Ein Läufer ist so fokussiert auf seinen Sport, dass er zu fast jedem Wetter zu einem Lauf aufbricht, selbst dann wenn er 3 oder mehr Stunden dauert und er hinterher erstmal platt auf der Couch liegt.

Das alles macht den Läufer unsichtbar aus – aber diese mentale Einstellung hält das Läuferkonstrukt zusammen. Die Gewissheit, sich – wenn es darauf ankommt – auf seinen Körper verlassen zu können.

Und genau dort trifft ihn die Laufverletzung am härtesten. Nicht der Schmerz des Muskelfaserrisses, des umgeknickten Knöchels, des blockierten ISG bereiten ihm Sorgen, sondern die Ungewissheit, dass ihn sein guter Kumpan und getreuer Gefolgsmann „Körper“ nun so schändlich im Stich lässt.

Während der Läufer auch äußerlich noch ein Läufer ist (ein nicht laufender eben) besteht im Kopf des Läufers die große Gefahr in Untiefen vorzustoßen, in die der Läufer gar nicht möchte. In gefährliche Strudel der Fragen, in Nebelbänke der Ungewissheit … im schlimmsten Fall läuft er auf dem Riff der Aufgabe auf Grund.

Läufer sind es gewohnt in sich hinein zu hören – nach den Reserven zu lauschen, oder nach Signalen sich zurückzunehmen. Mit der Verletzung ist da plötzlich nicht mehr viel zu hören. Was da noch tickt ist Schmerz, eine Verletzung, ein Problem. Es ist da wenn man läuft und im schlimmsten Fall auch nicht wenn man es nicht tut.

Wenn der Läufer „Glück“ hat, hat er eine Diagnose und gibt seinem in-sich-lauschen einen Namen, er googelt Erfahrungsberichte, liest sogar die Apotheken-Rundschau und rekonstruiert wie es dazu gekommen ist. Er schmiedet neue Pläne und versucht Laufpause, Physiotherapie oder sonst was zu überstehen um hinterher alles besser zu machen.

Manchmal funktioniert das aber nicht. Der Läufer lauscht und lauscht. Er lauscht während er Pause macht – alles wie immer. Er lauscht während er läuft – alles wie immer. Er versucht Zusammenhänge herzustellen die sich aber nicht bestätigen. Er versucht Zusammenhänge herzustellen die sich zwar bestätigen aber die er nicht versteht.

Anfangs ist er brav und tut was sich bewährt hat. Umfang reduzieren, Tempo reduzieren, Pause machen, Übungen machen … das ganze Arsenal eben. Und dann wird wieder gelauscht. Passiert nichts schaltet der Läufer eine Stufe hoch, er beginnt Dinge zu machen, die er vernachlässigt hat, er googelt neu drauf los und sucht sich Nahrungsergänzungsmittel und ähnliches.

Plötzlich wirft der Läufer täglich eine Handvoll Tabletten und Pülverchen ein. Der Griff zum letzten Schachtel(Stroh-)halm und zum Ananas-Enzym sind nicht mehr weit. Obwohl er gutes Geld investiert und alles brav macht – bringt das lauschen keine Erkenntnis. Er konsultiert Ärzte und Spezialisten, versucht Gewohnheiten zu ändern und verwendet unheimlich viel Energie auf das lauschen, das aufspüren, das vergleichen.

Wo ist der Schmerz gerade, wie fühlt er sich an, ist es besser, ist es schlechter, ist es gleich, ist er weg, ist er noch da? Der Kopf kreist um das eine Thema, die Ungewissheit stellt ihn auf die Probe. Ihn und seine Geduld und seine Beziehung zum Körper – die er nicht mehr versteht.

Im Kopf des Läufers dreht es sich fast nur noch um das eine Thema – den Show Stopper – das Problem. Je mehr er versucht und je weniger geschieht um so schlimmer wird es. Der Läufer ist gewohnt, etwas zu tun … nichts zu tun ist keine Option.

So wird er mürbe der Läufer – nicht seine Muskeln, seine Sehnen oder seine Knochen werde mürbe. Sondern sein Kopf. Er läuft Gefahr seinen Fokus an die Verletzung zu verlieren, sein Vertrauen in die eigene Leistung.

Nicht laufende verletzte Läufer bleiben weiterhin läufer – mürbe Läufer – desillusionierte Läufer – abwartende Läufer. Mit dem großen Problem, dass nicht der körperliche Schmerz so quälend ist sondern der im Kopf. Dagegen hilft kein Nahrungsergänzungsmittel, keine Kräftigungsübung oder Arzttermin.

Bleibt zu hoffen, dass der Läufer wieder zu sich findet und nicht mehr lauschen muss … damit er wieder tiefer in sich hinein hören kann und nicht  nur bis zum Schmerz. Bis dahin, womit er eigentlich läuft – mit Herz und Seele.

Gewonnen und verloren wird zwischen den Ohren. Das gilt auch im Kampf gegen die Laufverletzung … und ehrlich gesagt, ist das mental viel schwieriger als harte Trainingseinheiten, als Marathon laufen oder 300km Fahrrad fahren.

Viel schwieriger.

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11 Comments

  1. Ach, Daniel – wie recht du doch hast! Obwohl ich erstmal gelesen habe: „Brain vs. Spain“ und dachte: Was will er denn jetzt wieder mit Spanien? :D

    • Arriba! :)
      Naja der Titel war eben so schön griffig. Aber das Ding hat mich schon einige Zeit bewegt, ich hab ihn mehrfach angefangen zu schreiben und jetzt passt der Titel nicht mehr ganz sooo genau. Aber der Inhalt zählt

  2. Du schreibst mir gerade ziemlich aus der Seele, hast du da etwa reingeschaut? ;) Du hast recht, ich bin deillusioniert, zermürbt, lustlos, ohne Perspektive. Nichts geht mehr, wie beim Roulette …

    * Optimismus bei Bedarf an dieser Stelle einfügen*

    Irgendwas wird bestimmt.

    Liebe Grüße und danke für den tollen Blogpost :)
    Markus

    • Ja ich habe ziemlich lange reingeschaut. In meine Timeline, in Blogbeiträge und letztlich in mich selbst. Aktuell bieten wir ja alle genügen Studienmaterial um mal etwas tiefer rein zu gucken.

      Manchmal muss man sich das ganze auch mal bewusst machen. Klar klingt der Blog (vor allem für Ausstenstehende) negativ, aber eigentlich ist es Realismus, die uns geplagte so wiederfährt.

  3. Sehr schön geschrieben und getroffen!
    Wobei man aber noch zwischen unfallbedingten und verschleissbedingten Verletzungen unterscheiden sollte.
    Mit ersteren kann ich jeweils umgehen. Ein Bruch, ein Bänderriß, das ist zwar mitunder langwierig (so erscheint es uns zumindest) aber es gibt einen groben Zeitplan und man kann sich in die Vorbereitung auf den Wiedereinstieg reinknien, z.B. durch alternative Sportarten.
    Schlimmer finde ich die schleichenden, wie langwierige Entzündungen, Fersensporn und ähnliches – wenn man nicht weiss wie und wie lange therapiert wird und ob überhaupt…
    However, even take it like an ultra: egal wie tief das Loch ist, in das du fällst, beiss dich fest, beiss dich durch, du kommst raus und das nächste High kommt garantiert – du musst nur zäh und geduldig sein…

    • Ja da sagst Du etwas wahre. Je klarer das Verletzungsbild ist und je weniger „Eigenverantwortung“ man hat um so leichter hält man es aus.
      Es nagt natürlich auch, dass man das Problem quasi selbst mit verantwortet hat. Deswegen folgt irgendwann der Breitbandangriff an allen Ecken und Enden um überhaupt etwas zu tun.

      An meiner Geduld arbeite ich aktuell, es hilft ja nichts. Auch wenn hier und da der Frust durchschlägt versuche ich locker zu bleiben, mir Freude am Krafttraining zu bereiten und wenn es geht auf das Rad zu steigen.
      Mittlerweile bin ich auch so weit wieder eine Laufpause einzulegen – und sei es nur mal um wieder beim Lauschen mal wieder etwas anderes mitzubekommen.

  4. „Wo ist der Schmerz gerade, wie fühlt er sich an, ist es besser, ist es schlechter, ist es gleich, ist er weg, ist er noch da? Der Kopf kreist um das eine Thema, die Ungewissheit stellt ihn auf die Probe. Ihn und seine Geduld und seine Beziehung zum Körper – die er nicht mehr versteht“.

    Das ist der reinste Horror und jeden Tag hört und fühlt man aufs Neue in sich hinein. Analyse jedes Ziepens und Stechens. Es ist einfach anstrengend,

    Danke für den Beitrag und das Verlinken!

    • Gerne geschehen – immerhin hab ich die letzten Wochen nicht nur in mich geblickt und gehorcht sondern auch bei den anderen Twitterläufern mal etwas genauer hingehört. Solche „Symptome“ treiben alle um die in der Unklarheit festhängen.

      Mir fällt es schwer gelassen zu bleiben, das ist meine härteste Übung. Ich versuche mich mental gut einzustimmen aber an manchen Tagen nervt es einfach, dass nichts einen Sinn ergibt, teilweise ja sogar das plötzlich keine Beschwerden da sind … weil ich einfach nicht verstehe was das ganze beeinflusst.

      Aber … ruhig bleiben … wird wieder werden.

  5. Mit Verlaub ein wirklich ganz ein ausgezeichnetet Text. Manchmal ist es aber keine Verletzung, sondern die Entfernung zum eigenen Körper die einen zweifeln lässt.
    Das in sich hinein hören gelingt nicht weil alles drum herum so laut ist.
    Mach dies, mach das vergiss das Laufen, lass die Schuh aus, wenn du jetzt wieder anfängst das bringt doch nichts.

    Danke ein wirklich toller Text, ich wünsche dir dass es wieder losgeht bei dir.

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