Breitbandbehandlung

Breitbandbehandlung

Achtung – hier gibt es schon wieder Verletzungscontent. Aber nicht nur, versprochen … ich bin dabei mich zu bessern.

Nun hat mich meine Hüfte (bzw. das was irgendwo in der rechten Hüftumgebung für Probleme sorgt) schon seit geraumer Zeit im Griff. Obwohl, nein so richtig im Griff hat sie mich erst seit kurzem, seitdem ich eingesehen habe, das es nichts bringt sich die Augen zuzuhalten und zu fragen wo ich denn versteckt sei.

Seit September laboriere ich mehr oder weniger an diffusen Beschwerden die vor allem eines sind, neu, anders und nicht normal. Das sagte mir mein innerer Verletzungskompass schon damals, aber weil ich ja unbedingt den Berlin Marathon laufen wollte, habe ich den Kompass etwas manipuliert.

Nun ist (zum Glück) nichts schlimmeres passiert, ausser das das ganze Problemfeld unverändert geblieben ist. Alles was ich zur Behebung getan habe war weiter trainieren.

Nach dem Marathon Finish und dem offiziellen Ende meiner Saison hab ich dann beschlossen, dass nichts tun auch nicht die Lösung ist. Wenigstens dann, wenn die Probleme unverändert bleiben.

Was macht der Läufer dann also als nächstes… genau: statt nichts … alles!

Man sagt so schön „Wer heilt hat recht.“ – tja wenn ein Läufer erstmal in so einer Verletzungsschleife ist und hinterher wieder fit ist, dann hat er immer recht. Womit genau wird dann wohl fraglich bleiben. Mein aktueller Stand ist wie folgt:

Laufpause, Krafttraining, Dehnübungen, Mobilisierung, Warmup und Cooldown, Ernährung, abnehmen, Wobenzym, Ackerschachtelhalm, Blackroll, The Stick, Bewegungsmuster prüfen, mehr stehen, andere Schuhe tragen, Mentalübungen, usw. usw.

Also quasi alles was machbar ist. Das kann man jetzt blinden Aktionismus nennen, andererseits habe ich die Situation für mich jetzt umgewidmet. Es ist ein Resett, ein Neustart.

So langsam packt es mich wieder, die OffSeason Pause neigt sich dem Ende. Jeder freilaufende Läufer der in mein Sichtfeld kommt, führt zu einem „ich will auch!“. Da das ganze zum einen jetzt so nicht funktioniert und auch keinen Spaß machen würde, beende ich allerdings dennoch offiziell meine OffSeason (also rein im Kopf) und steigere mein Training wieder.

In der jetzigen Situation bedeutet das eben andere Wege gehen oder auch alte Wege die schon  funktioniert hatten.

Zur Zeit lese ich das Buch „Ready to run – Entfessle Dein natürliches Laufpotential„. Wirklich so viel neues steht da für mich nicht drin, aber dennoch ist es aktuell das richtige. Letztlich erinnert mich das Buch an ein Prinzip, dass ich zu Anfang meiner Laufzeit für mich geprägt habe, aber in der Selbstverständlichkeit aufgegeben habe. Die Selbstverantwortung für das was man tut, sprich auch die Selbstverantwortung für den Körper.

Ich habe mich dieses Jahr einfach komplett drauf verlassen, dass es schon gut gehen wird. Mein einziger Fokus lag im Training dessen was ich vor hatte. Ich habe keine Kraftübungen gemacht, kein Stabi, kaum Warmup und falsche Pausen/Regeneration. Es ging gut – lang genug … jetzt habe ich die Rechnung.

Und warum? Weil ich nicht die Verantwortung übernommen habe. Ich habe mich darauf verlassen, was vorher funktioniert hat. Auf meine Regenerationsfähigkeit, die ich in den letzten Jahr erprobt habe.

Dazu kommt ein anderes Problem, das ich Anfangs auch besser im Griff hatte. Ich habe die Trainingsumfänge gesteigert. Monate mit 40h Training waren das Ziel nicht die Ausnahme, dabei habe ich aber alles drumherum vernachlässigt. Gut erkennen kann man es daran, dass ich trotz Rekord-Trainingsumfang in 2015 insgesamt 4kg zugenommen habe, kontinuierlich. Es fehlte der Fokus und auch der Willen.

Dazu kommt noch mehr, ich hab nicht nur die Ernährung schleifen lassen, sondern auch sinnvolle Angewohnheiten. Wann es nur ging, saß und lag ich herum – ich hatte wenig Ausgleich zwischen meinem sehr sitzintensiven Job und dem Sport. Nach der Arbeit noch schnell laufen, dann wieder sitzen. Regelmässig trinken? Nö … auch nicht. Alles nur kleine Bausteine und keiner davon sicher der Grund warum ich aktuell nicht laufen kann, aber alles gute Gründe mich wieder zu erden und ein paar Schritte zurück zu gehen.

Ich hadere auch nicht damit, dass ich Dinge die gut funktioniert haben aus reiner Bequemlichkeit aufgegeben habe. Das kann ich nicht mehr ändern – ich kann und will aber jetzt etwas ändern.

Auch das gehört zum Breitbandmittel – der Willen in solchen Situationen (in denen es offensichtlich schon zu spät ist) etwas ändern zu wollen.

Aber wenn nicht jetzt, wann dann? Ich spüre, dass mir das Krafttraining gut bekommt. Ich merke ad hoc, dass die Mobilisierungsübungen lange vernachlässigte Bereiche aufwecken. Ich merke wie ich mich beim sitzen und stehen einfach besser fühle. Ich bemerke, dass ich wieder ausreichend trinke und ich habe gutes Essen wieder im Fokus (vor allem nach den Monaten im Umzugsstress, bei dem es eigentlich nur „schnell“ gehen musste). Ich treibe fast täglich Sport, eben jetzt anderen und habe die Laufpause nicht nur für die körperliche Heilung gewählt, sondern auch dafür, mich nicht ständig fragen zu müssen ob es denn jetzt besser oder schlechter geworden ist.

Ich bin bereit dazu, jetzt wieder durchzustarten. Ich bin bereit dazu Verantwortung zu übernehmen und – in Anbetracht meiner Ziele für 2016 – ich bin bereit dazu mich dennoch den großen Herausforderungen zu stellen, da ich die Chance habe nicht nur wieder schmerzfrei laufen zu können, sondern auch kräftiger und besser vorbereitet zurück zu kommen.

Ich will wieder „ready to run“ sein – und in den letzten 3 Wochen habe ich die ersten paar Grundsteine gelegt, nachdem ich 1,5 Jahre lang mein Fundament ausgehöhlt habe. Jetzt geht es weiter, Stein für Stein … auf dem Weg zu neuen Schandtaten 2016.

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2 Comments

  1. Das was du da schreibst kommt mir so bekannt vor. Ich neige auch immer dazu, zuviel zu wollen, andere Bereiche zu vernachlässigen oder Dinge die zwar zum Laufen beitragen, aber eben nicht wirklich Laufen sind, nur halbherzig zu tun. „Nebenbei“ noch Vollzeit zu arbeiten und das Training noch im Griff zu haben ist nicht leicht. Manchmal weiß man nicht, ob man vom Training müde ist, oder vom Alltag. Oft quäle ich mich trotzdem durch und damit es sich auch wirklich lohnt, habe ich dann meist alles herausgeholt, was noch vorhanden war. Über 50h im Monat waren da keine Seltenheit. Ruhige Einheiten kannte ich nicht – und dann kam die Sache mit der Hüfte, dem Oberschenkel und zugehörigem Sehnenansatz. Ganz langsam und schließlich so schlimm, dass ich es selbst nachts im Bett nur noch mit Schmerzmittel ausgehalten habe. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die jedes Zipperlein sofort ernst nehmen, das meiste wird einfach überlaufen. Oder es wird eine Woche das Training etwas heruntergeschraubt und dann sofort wieder draufgehauen. (Dieses und weitere Themen habe ich auch öfter in meinem Blog bejammert, ansonsten wäre ich wahrscheinlich einfach durchgedreht.)

    Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, war nur noch frustriert, es war nur noch die Angst vor dem Schmerz präsent, der Spaß schon lange vorbei, an Wettkämpfe nicht zu denken. Ich habe damit 9 Monate herumgedoktort und das was meiner Meinung nach wirklich etwas gebracht hat, war 1. die Sache lockerer zu nehmen und zu sehen (leichter gesagt als getan, ich weiß) 2. über den Sommer fast nur noch zu biken und nur noch nach Lust, Schmerz und Laune zu laufen, 3. einfach das Tempo rauszunehmen und 4. Osteopathie.

    Und plötzlich lief es wieder. So langsam wie der Schmerz gekommen war, ging er auch wieder. Bzw. ich erholte mich schneller davon, wenn es wirklich mal wieder akut war. Ich kann 5k am absoluten Anschlag laufen, habe ein paar Stunden Schmerzen, erhole mich aber jedes Mal ein bisschen schneller und bin dann nach einem Tag auch wieder fähig 20-30k zu laufen ohne das Gefühl zu haben gleich ohnmächtig zu werden.

    Ich denke dass es bei mir Dauer(über)belastung war, nicht unbedingt die Umfänge. Solche Erlebnisse geben einem jedoch die Chance, alles umzukrempeln und wirklich mal für die Zukunft zu denken. Ich gehöre zu den Menschen die das qualvoll erst selbst erleiden müssen, ehe sie einsehen, dass es so keinen Sinn mehr macht und es definitiv dumm ist, über ein halbes Jahr herumzukrebsen und null Fortschritte zu machen, als einfach mal einen Schritt zurückzutreten, um dann wieder mit mehr Kraft und mehr Struktur zu starten.

    Das zumindest habe ich für diesen Moment kapiert. Es wird aber mit Sicherheit auch bei mir wieder vorkommen, dass ich andere Wege finde in mein Verderben zu laufen – aber solange man (irgendwann) aus Fehlern lernt, kann man sich auf lange Sicht nur verbessern :D

    LG,
    Jamie

    • Danke für dein Feedback. An manchen Stellen finde ich mich da sehr wieder. Insbesondere der Satz, ob man nun müde vom Arbeitstag oder vom Training ist. Das ist so ein Ding.

      Wie oft habe ich im Kopf einfach den Schalter umgelegt und hab weiter trainiert, auch nach 12h Tagen oder Tagen an den ich fast nur gesessen war. Ab ins Hotel oder nach Hause – loslaufen … kein Aufwärmen, nichts trinken… einfach die müden und schlaffen Muskeln schinden.

      Ich wünsch Dir auf jeden Fall noch gute Besserung – hoffentlich verschwindet es irgendwann wieder komplett. Bisher bin ich noch guter Dinge, dass sich meine Probleme lösen lassen … und ich bin gewillt den Weg zu gehen. Nach allen was ich dieses Jahr geschafft habe, ist das die letzte Herausforderung. Geduld und Ausdauer mal in anderen Dingen beweisen.

      VG
      Daniel

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