entschleunigt ernüchtert

entschleunigt / ernüchtert

entschleunigt ernüchtertLaufen ist in unserer Welt eigentlich schon Entschleunigung. Für viele Menschen ist es quasi unvorstellbar eine Distanz von 20km laufend zurück zu legen – eine Distanz die mit dem Bus, dem Auto oder dem Zug zurückgelegt wird. Meistens in einer kurzen Zeitspanne und dabei auch noch vielfältig abgelenkt. Wenige Leute, die so ihre 20km überwinden tun das bewusst.

Aber selbst als Läufer kann man sich noch entschleunigen, bzw. man muss es manchmal auch tun. Für mich werden Distanzen ganz oft Zeiten. Ich laufe meist keine 10km sondern knapp eine Stunde. Die Distanz wird dabei nebensächlich. Erstaunt was hinter den Paceangaben steht, ist man erst, wenn man mal Alternativen nutzt.

Alternativen bieten sich an, wenn es nicht anders geht. Wenn das Knie noch zickig ist z.B. oder wenn man die zweite Erkältung der Saison einfährt. Beides traf bei mir gestern zu. Der Testlauf diese Woche war vielversprechend, so ganz traue ich meinem Knie aber auch noch nicht. Dazu kam, dass in der Arbeit schon die ersten krank sind und mein Sohn auch die modernsten angesagtesten Keime aus dem Kindergarten angeschleppt hat. Wie man da von Infekten verschont bleiben soll, wüsste ich ja gerne. Auch wenn ich inzwischen Vitamin D und Zink als Nahrungsergänzung einnehme, werde ich dadurch wohl nicht zum Erkältungsfreien Superman.

Aber ich musste raus. Also entschloss ich mich zu wandern/walken/gehen … wie man es nennen möchte. Wenn man nicht gerade virtuell den Großglockner auf dem Laufband besteigt, ist das ganze auch eher eine regenerative Einheit. Ich habe mich für eine Runde durch die Wälder entschieden. 6,7km und somit gut eine Stunde.

Absolut entschleunigt, wenn das Durchschnittstempo in letzter Zeit 5:55min/km pro Woche betrug. 10er Pace war angesagt – wobei ich zugeben muss, dass ist kein lockeres Spaziertempo, immerhin habe ich dabei 140 Höhenmeter überwunden. Ich muss gestehen – hin und wieder wäre ich gerne einfach angelaufen … so sehr sitzt die Läuferseele tief in einem drin, aber ich hab es einfach sein lassen.

Mit diesem Tempo war ich schneller als alle anderen die ich gesehen habe, aber dennoch langsamer als sonst. Deswegen habe ich auch nicht mehr entdeckt oder gesehen. Aber im Oberstübchen hat dieses Tempo eine andere Wirkung – während Laufen bei mir meist einen absoluten Denk-Resett erzeugt und den Kopf meist total leer fegt, hat der zügige Spaziergang so einen Mittelweg erzeugt.

Das hat mich auch dazu geführt über etwas nachzudenken, dass ich letztens in einem Forum gelesen habe. Es ging um Schmerzen. Passendes Thema, wenn man am Knie herumlaboriert.

Es ging unter anderem darum, dass der Schmerz ein Signal des Körpers ist, dass etwas nicht in Ordnung ist. Soviel ist klar – aber die Schlußfolgerungen die wir daraus ziehen sind vielleicht nicht immer die richtigen. In unserem Kulturkreis hat man uns beigebracht, dass Schmerzen ein Zeichen sind, dem Körper Erholung zu gewähren. So weit so gut – aber eigentlich sollten wir als schlaue Menschen wissen, dass so eine pauschale Allgemeinaussage einfach nicht stimmen kann.

Denkt man beispielsweise an Rückenschmerzen, ist Schonung in den meisten Fällen kontraproduktiv. Anderes Beispiel. Im Sommer hatte ich nach Tempoeinheiten mächtigen Muskelprobleme, aber schon 10km auf dem Rad …und die Beine fühlten sich besser an.
Die große Gefahr dabei ist natürlich, auch das wieder zu verallgemeinern. Als Hobbysportler braucht man ein gutes Gefühl dafür, wo man gerade in den Schmerz hinein läuft und die Notbremse zieht und wo man besser aus dem Schmerz wieder heraus läuft und sich selbst einen Gefallen tut.

Letztlich war das auch der Grund für den zügigen Spaziergang. Laufen traute ich mich eben nicht, aber dem Infekt und dem Knie schadete die Bewegung nicht, ich fühlte mich einfach Spitze. Dennoch herrscht natürlich bei mir aktuell große Ernüchterung.

Der November ist bei vielen ein Monat reduzierter Umfänge, teilweise mit kompletter Laufpause. Wer das freiwillig macht, setzt damit neue Anreize, erholt seinen Körper und ist im Kopf auch wieder heiß aufs Laufen. Wer durch Verletzung und Infekt dazu gezwungen wird, dem fehlt – wie mir – der Anreiz und das positive.

Ich bin ernüchtert wie sehr mein Herbst bisher anders verläuft als gedacht. Das schlägt sich auch auf weitere Pläne nieder. Der 10er nächste Woche ist quasi gestrichen – ich habe aktuell große Zweifel überhaupt Sub50 erreichen zu können. Auch sonst bin ich am grübeln wie ich den Winter in die Schranken weisen kann. Die – im Gegensatz zu letztem Jahr – deutlich erhöhten Umfänge sorgen für eine zunehmende Anzahl an Dunkelkilometer. Letztes Jahr lief ich zu dieser Jahreszeit 3x insgesamt um die 25km. Vor zwei Wochen lief ich 4x um die 60km, davon gut 40km im dunkeln. Das zermürbt mich schon ein wenig.

Den Spaß am laufen ziehe ich für mich auch aus der Strecke. Wald, Feld, Wiese … ich laufe sehr gern in der Natur. 15km durch die Innenstadt zu traben hat für mich leider wenig Reiz. Da hilft leider auch die Idee des Power-Spaziergangs nicht, denn wenn die Gesundheit mitmacht, nutze ich das Tageslicht lieber für ein Läufchen. Zu Hause habe ich weder Platz für ein Laufband noch möchte ich eines besitzen… und das Abo für ein Fitnessstudio – da kenne ich mich zu gut – könnte ich auch gleich als Spende irgendwo abdrücken, das wäre sinnvoller. Vielleicht brauche ich noch einen meditativen Spaziergang um dafür eine Lösung zu finden… ernüchtert und entschleunigt scheint es sich anders zu denken.

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3 Comments

  1. Ein schöner Beitrag, der ein wenig nachdenklich macht. Gerade im Winter ist es oftmals deutlich schwieriger Sport zu treiben – wenn dann noch eine Verletzung/Erkältung hinzukommt, braucht es schon sehr viele positive Gedanken. Und wer weiss – vielleicht bringen die langsameren Läufe/Walkings durch die anderen Gedanken dann doch plötzlich etwas positives.
    Liebe Grüsse
    Ariana

    • Immerhin habe ich statt Sport zu treiben heute mal die Gelegenheit genutzt in meinem Arbeitszimmer entgültig mehr Platz zu schaffen. Auch wenn es mit dem Laufen nicht klappt, ich brauche ein zwei Alternativen … und dazu werde ich mir auf jeden Fall noch mal Gedanken machen.

      Viele Grüße
      Daniel

  2. Pingback: Sport und Fitnessblogs am Sonntag, 24.11.2013

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