Für den Spießer in Dir!

Kürzlich habe ich auf Twitter einen Beitrag von jemand gelesen, der einen Artikel aus der „Aktiv Laufen“ gepostet hat. Darin stellte der Autor so etwas wie einen Läufer-Knigge vor.

 

Alles schön und gut kann man da natürlich sagen. Regeln helfen dem Zusammenleben. Andererseits habe ich bei der kurzen Lektüre des ganzen gemerkt, dass das nicht so ganz mein Sport ist.

Im aktuellen Trail Magazin ist momentan quasi der Gegenentwurf dazu zu lesen. Titel des Artikels dort „Crew & Clique – Wieso man heute in der Gruppe läuft und der Lauftreff ein neues Gesicht hat“. Der Tenor des ganzen ist – ich zitiere – „gemeinsam unspießig laufen“. Cool eben, Hipstermässig, ganz anders als man es früher gemacht hat, denn früher war alles doof. Also das interpretiere ich natürlich in diese Zeilen rein, nicht dass hier jemand meint das stünde dort geschrieben.

Nun ist der Läuferknigge sicher nicht unbedingt spiessig. Da stehen auch Dinge drin, die ich mir wünschen würde oder – ich bin da ehrlich – an die ich mich besser öfter mal halten sollte. Wie in der StVO auch, ist der erste Punkt der wichtigste. Das hilft, denn Respekt gegenüber allen Läufern sollte immer dazugehören. Egal welcher Lauf- oder Peer-Group man sich angehörig fühlt.

Ob man minimal läuft oder maximal weit, ob man Triathlet ist oder Jogger, oder man auf Trails läuft oder im Stadtpark. Die Run-Crews, die von den großen Euroschleudern Sportartikelherstellern aus dem Boden gestampft wurden setzen klar erst mal auf eine andere Karte. Es geht um Zusammengehörigkeit IN der Gruppe, Motivation (oder auch leichter sozialer Druck) ist es ja, was man sich durchaus erwartet wenn man sich einer Gruppierung anschließt. Zugehörigkeit, Gleichgesinnte.

Innerhalb der Gruppe gibt es diesen Zusammenhalt und diese Akzeptanz sicher auch. Danach wird es für den Menschen schon etwas schwieriger, wer sich wo eingrenzt, grenzt schnell auch mal aus. Deswegen finde ich für den Solo-Läufer, wie für den Lauftreffler und den RunCrewer diese Maßgabe super. Habt Respekt voreinander und füreinander für alle Leistungen und Leistungsnvieaus.

Eines kann doch kein Mensch wissen, was der andere gerade tut, vor hat, schon gelaufen ist und wie es ihm geht. Auch Punkt Nummer zwei finde ich super. Bei fünftens sieht es für mich schon wieder anders aus. Wenn es euer Ding ist grüßt euch und wenn es nicht euer Ding ist lasst es bleiben. In den sozialen Medien habe ich auch wahrgenommen, dass  Frauen oft schlechte Erfahrung mit schleimigen Anmachen gemacht haben, das ist sehr schade, aber dann grüßt nicht. Alles ist gut so wie es ist. Wer eine Grüßpflicht (manchmal kommt es mir so vor) für Läufer möchte, der überschätzt die ganze Bewegung.

Wir Läufer sind nun mal so ein inhomogene Masse. Auch wenn man sich freut wenn jemand grüßt, nickt, lächelt – so what – wenn der andere es nicht tut, dann ist das sein Ding. Deswegen sollte man sich sicher nicht über den anderen aufregen und ihn verurteilen. Freundlichkeit beginnt bei einem selbst. Mir ist es öfter mal bei mir aufgefallen, dass mein Gesichtsausdruck sicherlich nicht sonderlich einladend ist (je nach Laufsituation), wenn ich aber ganz locker dahintrabe und vielleicht eine lockere Geschichte oder einen witzigen Podcast höre, dann bekomme ich ganz andere Reaktionen von den entgegenkommenden Läufern. Warum? Klar, weil ich andere Signale sende.

Deswegen hier meine Meinung – stilisiert das Grüßen nicht hoch, wenn ihr die Welt verändern wollt, fangt bei euch an. Aber missionieren … besser nicht. Egal ob Laufstil, Streckenvorlieben, Marken oder Grüßen.

Die „Regeln“ zum überholen von Läufern und dem Umgang mit Fußgängern und Walkern. Da hat sich der innere Spießer des Autoren sicher gefreut. Also Fußgänger haben am Fußweg immer Vorrang. Ok, ist ja der Schwächere, verstehe ich. Allerdings sind Fußgänger ebenso Verkehrsteilnehmer.

Mein Wunsch in solchen Situationen, egal ob mit Fußgängern, Radfahrern, Autos oder was auch immer … alle sollten sich möglichst menschlich und vernunftbegabt verhalten. Nun ist das Problem, dass es innerhalb aller dieser Gruppen und auch innerhalb der Läuferschaft eine Normalverteilung von Empathie, Intelligenz und Akzeptanz gibt. Kurz: Deppen gibt es überall. Manchmal treffen diese Gruppen direkt aufeinander, ganz oft ist es nur der normale Irrsinn.

Darum, lasst uns doch weniger Regeln vorgeben. Das gibt nur wieder Erwartungshaltungen. Es gibt sie nun mal die Leute die ihren Hund mit Leine quer über den Radweg laufen lassen, die zu viert auf dem Gehweg walken und sich nicht bewegen. Aber es gibt auch die Läufer die sich vorbei quetschen oder unfreundlich werden. In dem Zusammenhang ist auch der 12. Punkt totale Polemik. In der Natur gilt plötzlich das Gesetz des schnelleren während man in der Zivilisation Zurückhaltung übt.

Wie wäre es wenn wir – egal wo wir sind – mehr Vernunft walten lassen. Andere akzeptieren und sich selbst nicht so wichtig nehmen. Wenn ich ein Intervall in der freien Wildbahn (egal ob in der Stadt oder auf dem Feldweg) laufe, muss ich davon ausgehen, dass mich andere einbremsen können. Wenn ich damit nicht klarkomme muss ich auf die leere Tartanbahn, ansonsten halte ich eben an und laufe nicht 100% nach Plan. Da kann ich nur selbst etwas dafür.

Anstatt wie in den Laufcrews eine „athletische Avantgarde“ zu bilden könnten wir alle einfach ganz normale Menschen sein, die ihre Mitmenschen und ihr Umfeld erst mal so akzeptieren wie sie sind. Schneller, langsamer, dicker, dünner, fauler, aktiver, gerade im Weg, Hund ausführend. Mir gehört weder der Weg noch die Stadt. Auch einer Laufcrew nicht. Und ob es so ein tolles Ziel ist beim Laufen in der Gruppe möglichst cool oder schick auszusehen.

Laufen mag inzwischen als „ganzheitliches kulturelles Phänomen“ gelten, in meinen Augen überhöht das einfach ein schönes Hobby. Und der Versuch Regeln darüber zu stülpen mag ebenfalls ehrenhaft sein, aber dafür sind wir alle doch viel zu verschieden. Anstatt Läuferregeln oder Crewregeln, würde ich mir wünschen wir alle sind weniger Läufer sonder mehr Menschen.

Mehr Vernunft und so Dinge. Das ist eine Utopie, das ist mir klar. Aber mir war es mal wichtig, das aufzuschreiben. Die Tage las ich auf Twitter von einem geschätzten Mitttwitterer „einfach mal weniger Szenepolizei“ sein. Ja, das trifft es auch ganz gut. Weniger Äusserlichkeiten, weniger Markenkult, weniger „coole Outfits“ mehr Mensch eben.

 

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