Jetzt!

Jetzt ist es soweit. Jetzt schreibe ich einen neuen Blogbeitrag. Jetzt ist in unserer Denkweise ganz oft nur ein Zeitpunkt. Aber jetzt ist mehr als das. Jetzt ist eine Erfahrung … ein Moment … und darum dreht sich in letzter Zeit einiges, wie es mir scheint.

Das, was einem zum jetzt führt ist Achtsamkeitspraxis und oder Meditation. In meiner Filterbubble ist Achtsamkeit kein Fremdwort mehr, aber dennoch hat mich ein Moment kürzlich zum nachdenken gebracht.

Vor gut zwei Wochen war ich nach einem zu straff geplanten Tag vormittags im Homeoffice, Mittags habe ich noch meinen Sohn von der Schule empfangen und noch Kaffee mit der Familie getrunken bevor ich mich auf den Weg in mein Hotel gemacht habe. Am nächsten Tag stand in Freiburg ein Termin an. Ich habe zu lange gearbeitet und bin zu spät losgefahren. Das Ziel in Freiburg Abends noch zu laufen konnte ich mir schon abschminken als ich ins Auto stieg und nach 1h stand ich bereits im ersten Stau.

Ich merkte wie sehr ich im Autopiloten unterwegs war, dieses ungute Gefühl. Ich entschied mich für eine andere Reaktion. Es war spät geworden, ich laufe eh nicht, ich fahre sowieso länger… also warum nicht die Fahrt nutzen. Montag am späten Nachmittags ruft mich beruflich niemand mehr an, ich war einfach unterwegs, hörte ganz bewusst Musik, Hörbücher und Podcasts. Ich fuhr für eine Pause raus, aß etwas und fuhr weiter. Diese Entscheidung basierte auf Achtsamkeit, aus dem Training dazu – ein Teil dessen nenne ich Meditation.

50km vor Freiburg stand ich dann in einem Stau, dem vierten an diesem Tag, letztlich brauchte ich 6 statt 4,5h – aber es war nicht mehr wichtig. Ich stand im Stau und hörte den Fatboysrun Podcast mit Eric von Schnellebeine.com.

Darin ging es um Barfußlaufen, meinem Lieblings Oximoron Barfußschuh und um den Miracle Morning. Warum auch immer, blieb mir dabei eine Situation im Kopf. Als Eric René erzählte, was man so mit der zusätzlichen Stunde anfangen konnte. Neben Yoga schlug er vor, dass man auch meditieren könne worüber René für mich auffällig schnell hingwegging.

Ich fragte mich, wo diese Reaktion wohl herkommt. Meditation hat vielfach das falsche Image. Räucherstäbchen, wallende Gewänder und Esoterik. Auch wenn es wenig Leute aussprechen, aber daran wird einfach zu schnell gedacht. Meditation, die Idee dahinter, hat in unserer Kultur keine wirklichen Wurzeln. Schade!

Ich habe im letzten Jahr für mich den Zugang dazu über die 7Mind-App bekommen, mich aber ziemlich schnell davon wieder abgewandt um dann viel mit der Insight Timer App zu experimentieren. Ich habe Hörbücher gehört, Bücher gelesen, Dinge ausprobiert.

Ziemlich sicher trage ich dabei keine wallenden Gewänder, Räucherstäbchen bringen mich zum husten und von Esoterik bin ich ungefähr so weit entfernt wie Donald Trump vom Physik Nobelpreis.

Diese kleine Situation hat mich die letzten Tagen grübeln lassen.

Verwunderlich das Ganze, denn nach etwas Meditationspraxis hatte ich schnell gemerkt, dass laufen und meditieren ziemlich viel gemeinsam haben. Das Ziel der Achtsamkeit ist, im hier und jetzt zu sein, Probleme als Objekt und nicht als etwas persönliches zu betrachten und ein Gefühl für den Moment zu bekommen.

All das erreicht man als Läufer teilweise einfach so, diese Momente sind da – jeder Läufer genießt sie, fragt sich aber selten wo sie herkommen. Warum auch, einfach wieder laufen gehen und das Gefühl stellt sich ein. Mal so ganz ohne Läuferromantik und ohne Runner’s World Bohei weiß ja jeder Läufer, dass dieses Gefühl nicht jedesmal aufkommt. Ob man das ganze Runners High nennt … oder Flow … bleibt einem selbst überlassen. Für mich ist es eine meditative Erfahrung.

Als ich letztes Jahr damit begann mich mit Achtsamkeitspraxis und Meditation auseinanderzusetzen änderte ich ziemlich schnell meinen Bezug zum laufen. Laufen war für mich damalsein Mittel … ich habe das Laufen damit verknüpft meinen Stress abzubauen.

Gefährliche Sache, wenn man dann durch Stress nicht zum laufen kommt. Die Gefahr einer Negativspirale ist da und ich habe das oft genug erlebt. Durch die „Ersatzdroge“ Meditation hatte ich meine Beziehung zum laufen ändern können. Ich war wieder freier. Es ging nicht nur um dem Stressabbau und auch nicht um Tempo oder Entfernung, sehr oft ging es mir nur noch um das laufen selbst. Das war gut für mich – denn für alles andere hatte ich ein weiteres Standbein gefunden.

Vor allem im Moment zu verweilen ist etwas, was auch für den Achtsamkeitshype sorgt. In einer Welt, in der sich immer mehr und mehr Menschen ausschließlich mit ihrem Kopf beschäftigen sind wir ganz oft überall und nirgendwo. Die gut gemeinte Empfehlung ganzer Großelterngenerationen die Kindern sollten doch mal lieber raus gehen und spielen fußt meiner Meinung nach auf diesem „Problem“.

Der Mensch ist ein aktives Tier. Der Körper gibt Feedback an den Geist und dieser Feedback an den Körper. Der Ausgleich sollte da sein – aber es ist immer ein Wechselspiel. Also kann man die Großelternwarnungen doch ernst nehmen. Die Kinder sollten sich bewegen, aber nicht unbedingt um bestimmte Fähigkeiten zu entwicklen (das wäre wieder einen ganz eigenen Blog wert), sondern um sich zu spüren. Was spürt man denn, wenn man vor dem Rechner oder dem Tablet sitzt? Nichts! Was spürt man denn, wenn man in der Schule nur büffelt? Nichts!

Aber man spürt, wenn man durch Brennnesseln läuft, mit dem Fahrrad stürzt, um die Wette rennt.

Das ist doch auch der Grund warum für viele spätberufene Freizeitsportler – wie ich einer bin – die Entdeckung des Sports oft eine große Wende im Leben bringt. Der Sport bringt etwas zurück ins Leben, was man so kaum noch in unserem Alltag erfahren kann. Erschöpfung, die eigenen Kräfte, Reaktionen des Körpers.

Erst seitdem ich Sport treibe spüre ich spontan meinen Herzschlag, wenn es ruhig um mich ist. Nicht wenn es mir schlecht geht oder ich aufgeregt bin, sondern wenn ich an der Ampel stehe oder auf dem Sessel sitze. Ich habe gelernt meinen Körper zu spüren … zu wissen, wie es ist einen Körper zu haben. Das klingt jetzt schon wahnsinnig esoterisch nicht wahr – ist aber eine entscheidende Achtsamkeitserfahrung und Meditationspraxis.

Wann spürt man schon den Körper? Das man einen hat … von oben bis unten? In einer Welt in der wir ständig das Smartphone in der Hand haben um Neuigkeiten zu lesen, die ewig weit weg von uns sind. Unser Gehirn kümmert sich um so viele Dinge, die weit weg von unserem Körper sind. Da ist die Gefahr einfach,den Bezug zu sich selbst zu verlieren. Aber das muss man nicht akzeptieren!

Sind wir mal ehrlich, das ist auch der Grund warum wir laufen. Wir wollen im hier und jetzt sein. Wir wollen spüren wie die Luft in die Lungen schießt, wie der Schweiß läuft, wie es manchmal weh tut beim laufen, wie das Herz rast. Blutgeschmack beim Intervall, Gänsehaut beim Regenlauf.

Dieser Sport ist bereits eine Art Meditation. So viele laufen für sich, allein… um Ruhe und Zerstreuung zu suchen. Sie suchen den Zugang zu sich selbst und die Konzentration auf bestimmte Dinge – einfache, ganz körperliche Dinge.

Dabei ist der Schritt zu Achtsamkeitstraining gar nicht weit. Ja ich nenne das Training, denn das ist es einfach. Wie beim Lauftraining auch ist es nichts selbstverständliches, nichts was einfach passiert, nichts was man in einem Buch liest und dann funktioniert. Eine Erfahrung die ich in den letzten Wochen wieder gemacht habe, als ich plötzlich vor einem großen Berg Problemen stand, von denen ich dachte, ich hätte sie nicht mehr. Training auch deshalb, weil man – wie beim laufen – Veränderungen in Gang setzt, die nicht von Dauer sind. Der Körper tendiert zurück zum faul sein ebenso wie der Kopf zum Autopiloten. Das ist bequem, die Natur wollte es so.

Ich stelle mal die These auf, dass sich viele Läufer dennoch unbewusst bereits mit Achtsamkeitstraining auseinandergesetzt haben. Vor allem dann, wenn sie schon länger laufen und versucht haben etwas zu verändern.

Wer seine Schrittfrequenz erhöhen will und dies über Konzentration auf die Schritte und die höhere Frequenz macht, folgt einer Achtsamkeitsübung. Die Konzentration ist vollständig auf ein Objekt gerichtet, hier auf den Schritt. Man stellt sich eben „Schritt –  Schritt – Schritt – Schritt“ anstatt „Schritt … – … Schritt … – … Schritt …“ vor.

Gleiches gilt für die Umstellung auf Mittelfußlauf. Wie der Geist auf den Körper reagiert ist es auch andersherum möglich. Wenn man sich vorstellt, wie das Körpergewicht nur auf dem Mittelfuß landet, dann wird das auch passieren. 160x die Minute, nach tausenden Wiederholungen dann fast vn selbst. Einfach so, angestoßen durch die Macht der Gedanken.

Meditation, Achtsamkeit, Flow, Fokus … was auch immer. Laufen bietet diese Möglichkeit ohne großen Bohei. Man kann sich davon auch etwas mit in den Alltag nehmen, genauso kann man aber auch etwas vom Alltag ins Laufen bringen.

In meinem letzten Blog habe ich etwas umständlich ausgedrückt worum es mir ging. Letztlich war ich, während ich gearbeitet habe, ständig im Gedanken beim Laufen, beim „laufen müssen“ oder wie ich es schaffen könnte noch eine Einheit zu planen.
Lief ich dann, grübelte ich über Unerledigtes und das was in der Arbeit noch kommt. In diesem kleinen Beispiel lasse ich mal gezielt weg, dass da auch noch eine Familie ist. Aber ich glaube ihr wisst was ich meine – fügt man noch die Familie mit dazu (und so war das auch), hat man schon drei Dinge bei denen die Aufmerksamkeit sein kann… und ziemlich sicher auch ist.

Das war nichts gutes. Ständig irgendwo und nirgendwo zu sein macht unzufrieden. Trotz erreichtem Ziel an der Zugspitze war ich bei weitem nicht zufrieden mit dem Rest. Das will ich nicht mehr. Das wollte ich auch zuletzt zum Ausdruck bringen. Ich mache da nicht mehr mit – mit dem überall und nirgendwo. Wenn ich arbeite dann arbeite ich und wenn ich laufe dann laufe ich und wenn ich mit meiner Familie zusammensitze dann sitze ich.

In der Welt, in der ständig alles verfügbar ist und man so viele Dinge gleichzeitig machen kann ist das eine schwere Veränderung. Aber ich gehe sie aktuell. Ich habe mir eine Woche Social Media Auszeit genommen und ich hinterfrage aktuell viele Dinge. Ich und die Menschen um mich herum merken gerade, dass es mir besser geht. Ich wieder der bin, der ich sein will. Der der ich gerne bin.

Aus diesem Grund schreibe ich auch diesen Beitrag. Nicht um zu missionieren. Das bleibt den Esoterikern vorbehalten. Aber – das schreibt ihr ja auch hin und wieder unter meine Beiträge – um zum nachdenken anzuregen oder sich selbst einmal in so eine Lage zu versetzen.

Jemand der nicht meditieren will, wird das auch nicht tun – sollte das auch nicht. Das endet nur in Unzufriedenheit. Aber jemand, der im Laufen vielleicht mehr vom Laufen haben will, der kann mit Achtsamkeitspraxis einen Schritt für sich weiter kommen.

Sehen was um einen passiert, wahrnehmen und nicht zu fokussiert sein … nicht nur auf den Horizont gucken sondern einfach aufnehmen was passiert. Oder – für mich ein wahnsinnig spannendes Erlebnis – riechen! Wie oft riecht man was um einen herum passiert. Beim laufen hat man doch eh nichts besseres zu tun. Man ist in der Natur, man braucht eh viel Luft … also man gezielt den Geruchssinn aktivieren. Ja genau… aktivieren. Der läuft ja sonst einfach nur mit.

Gerade jetzt im Sommer bietet so ein Lauf so viel mehr. Es riecht nach gemähten Gras, nach Blumen, nach Wald oder auch nach nichts. Was durchaus auch eine Erfahrung ist, wenn man bewusst „hinriecht“.

Und das was uns Läufer eh umtreibt. Das fühlen … hat eine andere Dimension, wenn man die Gedanken baumeln lässt und bemerkt wie es so um einen herum ist. Wo ist die Luft kühl und wo warm, wo ist sie feucht und wo kommt ein leichter Wind.

Das bringt uns noch ein wenig mehr ins JETZT und das auch ohne Meditation, aber glaubt mir – das Gefühl ist sehr ähnlich. Und das ist gut so. Jetzt ist die beste Zeit!

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6 Comments

  1. Hallo Daniel,

    Ich finde Deine Gedanken tatsächlich sehr anregend. Erst kürzlich hat mir ein Freund die Frage gestellt, was mich beim Laufen antreibt. Das hat mich ehrlich gesagt um Worte ringen lassen. Ich habe geantwortet, dass ich schon eine Idee davon hätte, was es sei, die Antwort allerdings weit von Worten entfernt sei. Er sah mich verwundert an und meinte, es habe mich doch sonst nie davon abgehalten, sondern sogar eher darin bestärkt, diese Leerstelle mit Worten zu bewerfen. Und er hat Recht! Ich habe seitdem sehr viel darüber nachgedacht und denke, Dein Gedanke ist zentral für Viele von uns: es geht um das Selbstgefühl, um die Relation zum Selbst und zur Welt. Wenn ich mich auf diese weiten, weiten Strecken begebe, bringe ich mich in eine Situation, die mich auf mich selbst zurückwirft. Hitze, Kälte, Wind, die endlosen Kilometer, die vor mir liegen: ich bin ganz allein mit all dem, was sich mir in den Weg stellen könnte. All diesen Herausforderungen kann ich nur mit mir selbst begegnen, meinem Körper und meinem Geist. In diesem Widerspruch zwischen Ausgeliefert- und Geborgen- oder Bei-Sich-Selbst-Sein liegt, denke ich die Faszination, denn ich trete nicht nur meiner Lauf-Umwelt entgegen und werde zugleich ein Teil von mir; ich trete auch gegen mich selbst an und komme dadurch viel mehr zu mir selbst.
    Nicht nur die Erfolge, sondern auch die Misserfolge und Rückschläge haben mein Selbstbewusstsein gestärkt. Nicht zuletzt durch Scheitern habe ich eine Menge über mich selbst gelernt und bin mir selbst deutlich näher gekommen. Krisen, denke ich, sind zudem immer eine Chance: dass ich Vielem getrotzt und gegen alle Rückschläge wieder auf die Füße gefunden habe, hat mich stolz gemacht und ein Gefühl neuer Stärke in mir ausgelöst. Ich halte dieses Gefühl, das sich nach erfolgreichen Ultraläufen einstellt, für ein sehr ursprüngliches, obgleich es nicht völlig von der Ratio abgekoppelt ist. Es gibt mir im Gegenteil eine Menge Anlass zu Nachdenken. Außerdem färbt es auch auf andere Lebensbereiche ab, denn Vieles, was mich bislang zur Weißglut gebracht hat, z.B. der Straßenverkehr bei der Arbeit o.ä. Situationen, auf die ich keinen Einfluss habe, kann ich jetzt mit mehr Gelassenheit angehen. Das Ultralaufen und der Zwang, mit extrem anstrengenden Situationen umzugehen, haben mir geholfen, auch in Alltagssituationen Wege der Entspannung zu finden.
    Unterm Strich denke ich, dass Fokussierung ein zentrales Motiv beim Laufen ist, sei es zunächst ganz basal auf das Selbst oder in der Wechselwirkung zwischen Selbst und Laufumgebung.

    LG, Christian, der Trailtiger

  2. Hi Daniel,

    was Du da mit vielen Worten beschreibst, ist ja eigentlich eine ganz simple Sache. Denn man kann niemals nicht jetzt sein. Nur die Beurteilung von dem was jetzt geschieht ändert sich.

    Eine andere Sache ist allerdings dieses „zur Ruhe kommen“. Gerade in der Überflutung mit Informationen und Eindrücken jeden Tag. Um „den Affen zu zähmen“ kann man meditieren – oder Laufen. Für mich ist da kein großer Unterschied. Immer geht es darum für eine Zeit die Wolken weg zu schieben, um sich des Himmels dahinter zu vergewissern…

    _/\_

    Thomas

  3. Lieber Daniel, es gibt nicht viel zu diesem Artikel zu sagen, außer Danke! Dieser, wie auch die letzten Artikel, drücken perfekt aus, was ich im Moment fühle und woran ich im Moment arbeite. Scheinbar haben wir da die gleiche Wellenlänge. Ich für mich muss daran arbeiten nicht wieder in alte Verhaltensweisen zurück zu fallen und mir die von Dir angesprochenen Dinge immer wieder bewusst zu machen. In meinem Alter scheint das schwieriger zu sein, das Verhalten auf Dauer zu ändern. Aber ich werde das schaffen. Teile bitte weiter Deine Gedanken mit uns!

    Gruß, Ansgar

  4. Pingback: Lieblingsblogs Folge 79 - Coffee & Chainrings

  5. Wow klasse geschrieben. Durch deinen Strava Artikel bin ich auf deinen Blog gekommen. Für was Strava alles gut ist ;) Ich muss hier unbedingt noch etwas rum stöbern ;)

    Weiter so!

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