Kreuzberg50 2017 – Freu(n)d und Leid

Ich glaube ich kann es einfach nicht vermeiden, dass dieser Blog einer dieser „gefühlsduseligen“ wird. Andererseits, warum sollte ich das auch vermeiden wollen. Wer einen straighten Rennbericht sucht, der möge nun auf den zurück Button klicken.

Das zurückliegende Wochenende hat eine längere Geschichte. Es ist die Geschichte von Mr. Schnaufcast himself – Flo und Franzi. Die Geschichte von der Idee einen eigenen kleinen Einladungs-Ultra zu veranstalten, die Geschichte einer OP, die Geschichte das es erst mal ganz anders kam. Allerdings war ich direkt angetan von dem ganzen. Die Kreuzberg50 Idee begleitete meine ganze Jahresplanung und sollte ein toller Abschluss sein.

Gerade dieses Jahr, in dem ich nicht in Berlin dabei war und mir das dortige Community-Gefühl (was mir ehrlich gesagt auch das wichtigste an diesem Lauf ist/war) gefehlt hat, habe ich mich um so mehr gefreut Ende Oktober einen großen Teil meiner Filterbubble in real zu treffen. So sollte es ja auch sein. Man kennt/kannte zwar nicht alle, aber jeder irgend jemanden. Da treffen sich nicht nur Fremde um einen gemeinsamen Lauf zu absolvieren, sondern da treffen sich Menschen, die sich schon lange über soziale Medien kennen, die schon irres gemeinsam erlebt haben, richtig gute Bekannte und…. Achtung Gefühlsduselei … echte Freundschaften.

Man wird ja immer ein wenig belächelt wenn man sowas erzählt. Seelenloses Internet, schnelle Bekanntschaften, alles nur oberflächlich. Ja das gibt es auch. Aber ich kann mit Fug und Recht für mich sagen, dass ich in den letzten Jahren Twitter, Twitterlauftreff, Allebekloppt, Schnaufcast & Co. richtig tolle Menschen kennengelernt habe. Im übrigen nicht nur welche, die Funktionsbekleidung tragen.

Nun ist es ja durchaus so, dass man als passionierter Ausdauersportler sein Glück in der endorphingeschwängerten Luft der langfristigen sportlichen Betätigung findet. Aber die schönste Zeit ist nun auch mal vorbei. Auch wenn wir es gerne anders hätten, meist müssen wir doch auf soziale Integration und solche Dinge acht geben. Irgendwo in einem drin, ist ja sowas wie der Traum von einem ausdauersportelnden Utopia, in dem man auf Arbeit und allgemeine soziale Kontakte pfeift und ständig draussen rum rennt.

Aber gut, der Kreuzberg50 ist jetzt keine Kommune oder sowas. Allerdings verbindet so eine Veranstaltung wie diese, Dinge die ich einfach gerne mag. Vielleicht mache ich diese ganzen verrückten Sachen ja nur, weil ich dort Menschen treffe die ein ganz ähnliches Mindset haben. Das ist etwas, dass mir persönlich in der „realen Welt“ durchaus schwer fällt, warum auch immer. Aber als Läufer, Ausdauerheini & Co. – und dann noch in einer bestimmten Sparte (wie z.B. dieses Trail und/oder Ultra-Ding) teilt man bestimmte Werte … so hat sich das auch angefühlt. Freunde aus ganz Deutschland zu treffen, Spaß zu haben, gemeinsam zu essen und zu trinken. Leute wiederzusehen, die man schon Monate nicht mehr gesehen, aber ständig gehört hat. Sich gleich wieder zu verstehen oder neue Leute zu treffen mit denen du gleich über etwas sprechen kannst. Das ist dem Kreuzberg50 auf jeden Fall gelungen.

Es war schon am Abend vorher super herzlich. Als inoffizieller Testläufer konnte ich ja die Location und auch die Gastgeber bereits vorab kennenlernen und ich hatte keinen Zweifel daran, dass diese Veranstaltung super wird. Es wurde gegrillt, getrunken, geredet, gegessen – überall lockere Gespräche und herzliche Atmosphäre. Wie eben die ganzen anderen Veranstaltungen (wie z.B. der ZUT) … nur eben ohne die anderen Leute. Hochkonzentrierte reale Filterbubble sozusagen.

Ich hab euch ein paar Impressionen vom Meet & Grill am Vorabend rausgesucht. Dazu gibt es auch einen ca. 2h Podcast in dem ich unter anderem 5 Minuten richtig gequirllten Mist erzähle (wie immer), aber in dem viele bekannte und einige unbekannte Leute zu Wort kommen. Unter anderem zu finden unter dem Schnaufcast, dem Trailrunnersdog Cast oder dem Schnaufwechsel.

Nach viel Feierei und Freude, war es Zeit sich auf den nächsten Tag vorzubereiten und an der Matratze zu horchen. Neben der Matratze hörte man aber auch den gemeldeten Orkan, weswegen auch der Start von offiziell 6:00 Uhr auf 8:00 Uhr (Winterzeit) verschoben wurde. Natürlich unter der Prämisse, dass man dann die Äste und Bäume sehen kann, die einen ggf. erschlagen.

Es wurde aber tatsächlich ungemütlich in der Nacht. Regen peitschte und es stürmte kräftig. Im übrigen am meisten kurz vor 6:00 Uhr, also genau richtige Entscheidung. So richtig geschlafen hab ich ab 2-3 Uhr aber nur noch im 20 Minuten Takt, da irgendwo immer ein Geräusch herkam.

Morgens genossen wir das „VIP Package“ mit Frühstück vor Ort zusammen mit den anderen die übernachtet haben. Gemütlicher Läufer-Talk am Morgen, während draussen der Sturm peitscht und der Regen vorbeizieht. Je näher es auf 8:00 Uhr zuging um so ruhiger wurde das Wetter und am Horizont konnte man sogar die ein oder andere Wolkenlücke erspähen. Im Hof sammelte sich eine bunte Schar an Windjacken und sonstiger Funktionskleidung.

Alle sind guter Dinge, blauer Himmel ist zu sehen, alle sind so gut vorbereitet wie es eben sein kann. Die Familien, Begleiter und Ausrichter zählen herunter und es geht los.

Wir laufen die erste Runde gemeinsam, ab auf die Strecke und direkt nach oben. Der Regen hat die Strecke in eine absolute Matschpartie verwandelt, aber es schickt sich an traumhaft zu werden. Ob des vorabendlichen Biers pumpt mein Herz etwas stärker als sonst, aber ich habe heute nicht viel vor. Wer Ultra laufen will, läuft im Ultra Tempo los. Also geht es gemütlich die matschige Steigung nach oben, die anderen im Blick. Oben angekommen, traumhaft – die Sonne scheint auf die Höhe, ich laufe einen Feldweg entlang, wechsle die Spur damit ich nicht im knöchelhohen Wasser laufen muss und dann passiert es. Schon wieder.

Ich rutsche mit dem rechten Schuh weg, mein Fuß surft kurz, ich kann mich nicht auf den Beinen halten und falle vornüber in den Matsch. Da höre ich schon so ein bekanntes Geräusch. Knack macht es irgendwo da rechts aussen. Ich kann es kaum glauben. Schmerz steigt mir in den Kopf. Es tut so weh, dass mir übel wird. Ich könnte heulen. 1,2 verdammte Kilometer habe ich es geschafft, nachdem ich in den letzten Wochen schon wieder über 200km ohne jegliche Probleme gelaufen bin und dann dieser verdammte Scheiß Dreckskack.

Ich muss mich nach vorne stützen, mir ist schwummrig, weil es so weh tut. Karen und Andre kommen vorbei, ich schicke sie weiter und schreibe Flo eine Nachricht das ich zurückgehe. Was folgt sind die schlimmsten Minuten meines diesjährigen Ausdauersportjahres. Mein erstes DNF bei einem Lauf, bei dem es nur darum ging Spaß zu haben. Um nichts anders. Freunde treffen, Freude haben, ein paar Runde laufen und dabei sein. Und nach verdammten 11 Minuten ist es vorbei, ist die Saison vorbei, das Laufjahr vorbei.

Während gut 15 glückliche Läufer weiter die Strecke entlang gehen trotte ich mit ziemlichen Schmerzen im Fuß wieder zurück. Ich kämpfe mich die schlammige Strecke wieder nach unten, in der Hoffnung nicht auszurutschen und komme nach 41 Minuten wieder im Basecamp an. Nein, ich will mit niemanden sprechen. Ich will einfach nur meine Ruhe. Das war nicht, was ich mir vorgestellt habe.

Währenddessen kommt die Kreuzberg-Crew von ihrer ersten Runde zurück und ist ziemlich begeistert.

Meine Euphorie hielt sich in Grenzen, aber schmollen macht den ollen Knöchel auch nicht wieder heil. Ich werde hier nicht mehr laufen können und das Ding ist vorbei. So ist es nun mal. Ausserdem hab ich von so vielen Mitläufern aufmunternde Worte bekommen, da wollte ich mich gar nicht mehr verdrücken. Freunde eben!

Nachdem ich mich mit Schmerzmitteln und Co. gedopt habe und die Kompressionsmanschette um den Knöchel gepappt hatte wollte ich etwas tun. Ich wollte dieser Veranstaltung etwas zurückgeben.

Zudem bin ich sowieso nicht der Typ, der nichts tun. Das ist das allerschlimmste, alle machen etwas – nur ich soll da rumsitzen. Nein Danke. Also packte ich mein iPhone und dachte mir, wenn ich schon nicht laufe, dann gebe ich dem Kreuzberg50 doch einen kleinen Film, eine Erinnerung an die tolle Zeit die hier alle haben, und so war es dann auch, ich habe einiges gefilmt und viele zufriedene Läufer fotografiert. Ein paar Bilder seht ihr hier.

Dazu gibt es hier das Ergebnis meiner Video Bemühungen und wie ich finde ein guter Querschnitt über das was da rund um den Kreuzberg so passiert ist.

Nach und nach stiegen die ersten planmässig oder auch nicht so planmässig aus. Alle im Ziel befindlichen versammelten sich um die Kreuzberg-Helden zu begrüßen und nach und nach den Zieleinlauf zu feiern, echt großes Kino und für mich als Kreuzberg-Invaliden mehr als versöhnlich hier super coole Typen mit freudigen Gesichtern einlaufen zu sehen.

Nach gut 6,5h waren dann alle die das so wollten im Ziel und die Veranstaltung fand mit einer Sieger-Ehrung einen würdigen Rahmen. Aber nicht nur die Sieger, sondern vor allem die Personen hinter dem Lauf haben ihre Ehre bekommen. Das fand ich sehr schön, nicht nur Franzis Eltern, sondern auch sie und auch meine Frau und mein Sohn haben eine Medaille bekommen, das hat mich sehr gefreut. Auch und vor allem für meine Familie, denn die trägt und erträgt dieses ganze Ausdauersportding mit, reist mit, jubelt mit, leidet mit. Und diesmal auch – hilft mit. Grandios. (ach ja ich hab auch ne Invaliden-Medaille bekommen)

Was bleibt? Naja ein Außenbandanriss auf jeden Fall. Nachdem – im Gegensatz um Karwendelmarsch (links) diesmal die Schmerzen so stark waren, dass ich dachte ich kann nicht schlafen, war ich heute in der orthopädischen Ambulanz und habe bekommen was ich erwartet habe. Sportpause, Schmerzmittel und eine Orthese für den Knöchel. Das ist alles sehr ernüchternd und in den Minuten nach der Verletzung, auf dem Weg zurück und dem einfach nur dasitzen stellten sich diese verdammten Fragen. Dieses elende Kopfkino. Wegen so etwas stellt man plötzlich Dinge in Frage, die man sonst nie in Frage stellt.

Aber Freud, Freund und Leid lagen eben an diesem Wochenende so nah beieinander. Das ist auch gut, denn ich war nicht allein mit meinem Schmerz und meinem Frust. Ich habe gesehen und gespürt wofür ich das mache. Deswegen fällt es leichter das zu akzeptieren.

Ich bin weiterhin überzeugt, dass solche Dinge zu den guten Sachen in meinem Leben gehören, an die ich mich gerne erinnere und von denen ich gerne spreche. Das bleibt auch von diesem Kreuzberg50.

Heute auf Twitter las ich einen wunderbaren Gedankengang. So wie die Läufer auf den Runden rund um den Kreuzberg ihre Spuren hinterlassen haben, so hat auch der Lauf, die Menschen, das Wochenende Spuren in den Leuten hinterlassen.

In diesem Sinne – lasst uns das doch wieder tun!


Update:

Hier für euch noch die anderen Beiträge die es im Internet dazu gibt:

Schluppenchris und sein magisches Wochenende

buzze fragt sich ob man noch läuft oder schon kreuzbergt

Sascha singt ebenfalls ein Loblied auf den Kreuzberg50

Frau Firlefuchs freut sich über die Schlammschlacht

Tigi Trailtiger träumt sogar vom Kreuzberg.

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5 Comments

  1. Pingback: Läufst du noch oder kreuzbergst du schon? - RUNNING ROYAL

  2. Werde wieder fit und ruh dich aus, dann sehen wir uns hoffentlich nächstes Jahr gesund und munter beim UTLW wieder. Es war schön dich kennengelernt zu haben.

    • Hey Denis, danke Dir! Habe mich ebenfalls gefreut und wie schon erwähnt – der UTLW ist als Fixpunkt schon klar. Freue mich und viel Spaß mit der Ehre als Premierensieger.

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