Wings for Life Run München

Licht, Schatten und Schafe beim Wings for Life World Run München

Manchmal sitzt man mit befreundeten Läufern in einer Pizzeria und wartet auf das Essen. Essen ist ja bekanntlich neben Ausdauersport eine meiner großen Leidenschaften. Glücklicherweise kann ich endlich wieder meine ewig dauernde Gleichung – Essen um zu Laufen um zu Essen um zu Laufen – anwenden. Aber ich schweife ab.

Auf jeden Fall saß ich dieses Jahr im Winter zusammen mit Sascha und wartete auf das Essen. Man unterhält sich, man guckt aufs iPhone, man meldet sich schnell mal bei einem Wettkampf an. So geschehen dieses Jahr in Augsburg. Innerhalb weniger Sekunden war die Anmeldung für den Wings for Life World Run ausgefüllt, nachdem ich letztes Jahr bei strahlendem Sonnenschein und mit Startnummer zum zuschauen verdonnert war, immerhin war meine OP-Narbe noch recht frisch.

Dieses Jahr sieht die Welt schon ganz anders aus. Ich laufe mit dem top sportlichen Ziel – ZUT Supertrail. Ich folge dem Plan und fühle mich wieder fit. Zugegeben (das habe ich in den letzten Blogs verschwiegen) wenn ich hohe Umfänge laufe oder verrückte Sachen mache (die Lauf-ABC) hab ich danach noch was von der OP-Narbe und hin und wieder meldet mein rechter Adduktor sein unwohlsein an, aber damit habe ich mich arrangiert und Lösungswege (Yoga, Dehnen, Training anpassen & Co.).

So geschehen erst wieder diese Woche nach dem Lauf ABC am Freitag. Als Ausgleich bin ich am Samstag (das zweite mal am Renner Outdoor 2017) 2,5h mit dem Rad unterwegs gewesen, als hätte ich nicht vor gehabt am Sonntag beim Wings for Life mitzulaufen. Während aber letzte Woche vor dem Weltkulturerbelauf die Beine morgens schwer waren waren sie Sonntags nur angespannt.

Dennoch fehlte mir etwas die Motivation 2h nach München zu fahren um dann im Regen zu laufen. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt bei einem Regen-WK gestartet bin, muss schon lange her sein. Zumal beim WFL ja noch die Besonderheit dazukommt, dass man länger im Regen laufen muss je schneller man ist, da fehlt dann doch irgendwie der Anreiz. Windig und kalt sollte es werden… aber nun gut.

Ich machte mich auf dem Weg nach München, damit ich kurz vor 11 Uhr die Startunterlagen holen kann, angeblich kann man das dann nicht mehr … für alle die da nächstes Jahr starten wollen und von weiter weg kommen. Kann man doch! Aber die Sponsoren wollen eben möglichst viele Leute vor Ort.

Nummer geholt, T-Shirt dagelassen (ich versuche „Müll“ zu vermeiden) und dann direkt Sascha und Michael getroffen. Etwas gequatscht und Hunger bekommen. Erwähnte ich eigentlich wie kalt es da war (und ich hatte da noch ein Hoodie an). Entschieden hatte ich mich für 3/4 Hose und Kurzarmshirt ohne was drunter. Für München war das aber eindeutig das falsche Dress (also für mich … andere liefen in Singlet), also packte ich die Regenjacke aus und zog sie drüber.

auf diesem Bild fehlt das Crepes!

Vorher ging es aber noch zum Refuel. Kaffee bei der Kälte kann nur gut sein und dazu ein Crepes! Besser als jedes Pre-Race-Gel sag ich euch. Sascha wollte danach noch seine Tasche abgeben, was leider etwas am Chaos an der Gepäckabgabe gescheitert ist. Die Traube war RIESIG! Ich hab mich entschieden meinen Beutel ins Auto zu legen – auch nicht gerade einfach, wenn man sich beim reinfahren nicht merkt wo man das Auto abgestellt hat. Aber so war das Einlaufen eben länger.

STIMMUNG!

Zurück am Start aber der erste Ärger des Tages für mich. Ich wollte in den Startblock 2 … der war zu. Also schickt man die Leute in den Startblock 3. Sehr unbefriedigend. Ich bin dann aber mal nach vorne und von vorne (wo noch gut Platz war!!) in den 2. Block. Eine der besten Entscheidungen des Tages. Direkt hinter dem 1. Block sah die Welt ganz gut aus.

Der zweite Ärger kam direkt danach. Bin sonst nicht so ein Spießer, aber ich finde es einfach saublöd, dass man in einer Menschenmenge von 10.000 Leuten einen Lauf mit Böllerschüssen starten muss. Wo ich stand, hat man nichts gehört, keiner hat heruntergezählt … also war der Schreck da. Sorry, aber das ist unnötig. Stellt mehr Lautsprecher auf und zählt runter!!

Danach ging es auf die Strecke. Obwohl ich echt weit vorne stand lief ich nach ca. 50 Metern auf die ersten Leute aus Block 1 auf und kam nicht vorbei. Coole Sache. Ein paar Meter weiter vorne stand dann ein Motorrad auf der Strecke … aber danach kehrte erstmal Normalität ein. Mein Ziel war ca. 2h zu laufen – also etwas mehr als Halbmarathon. Damit wollte ich zufrieden sein. Einen Plan hatte ich nicht und eine Zielpace auch nicht.

Einzig auf Tipp von Sascha ein Datenfeld für die Fenix3 heruntergeladen, dass mir die Zieldistanz anzeigen sollte. Nach den ersten 2 Kilometern zeigte die Uhr fröhliche 34km an. Naja, sowas nehme ich ja nicht ernst, viel ernster nahm ich aber, dass die 30km-Pacer in Sichtweite waren und nach 4km lief ich mit einer größeren Gruppe auf. Alles in allem fühlte es sich ganz OK an. Ich hatte die Regenjacke zu, aber die Ärmel hochgekrempelt. Damit konnte ich gut laufen, mir war nicht zu warm und der Wind störte nicht. Einzig meine Brille beschlug immer wieder mal.

Ich wusste natürlich, dass ich wohl 4:50er Pace laufen würde, wenn die 30er Pacer ihren Job richtig machen, Grundsätzlich ist das auch ein Tempo das ich über Halbmarathon hinaus halten kann. Nur das ich letzte Woche beim WKEL so eingegangen bin brachte mich zum zweifeln, aber ich fühlte mich gut, also konnte ich 30K-Tempo so lange laufen wie es ging und dann gucken wie weit ich komme.

Die erste und zweite Verpflegung habe ich ausgelassen. Eigentlich hätte ich ja eher pinkeln müssen, aber nach 7km war ich so im Tunnel, dass ich es mir verkniffen habe bis zum Schluß. Dennoch hätte ich an der VP vor KM10 gerne ein Cola genommen, aber da war einfach noch zu viel los und ich war zu langsam. Also weiterlaufen.

Kurz hinter dem Viertelmarathon dann der große Schreck. Vielleicht hat ja jemand die Bilder im TV gesehen. Direkt als wir dort vorbeiliefen kam eine Herde aus Schafen, Ziegen, Esel und Kuh hinter einem Gebüsch vor. Tja… was soll ich sagen. Schafe sind Fluchttiere … und offensichtlich ist ihnen ganz egal womit sie flüchten. Wenn nebenan hunderte Läufer vorbeilaufen flüchten sie eben mit.

Wie das überhaupt passieren konnte ist für mich unverständlich. Der Schäfer lief vorne und hat gesehen, dass er auf eine Laufstrecke zukommt. Ein Ordner stand direkt daneben … und schon war es passiert. Die ersten Schafe waren auf der Strecke und flüchteten um die Wette. Auch wenn es für alle, denen ich es erzählt habe, sehr witzig war. Das Gefühl eine Tierherde in der Nähe zu haben hat mich schon etwas gestresst.

So liefen die unzähligen Schafe und sonstigen Paarhufer in strammer 4:30er Pace (geschätzt) neben den Läufern her. Die Ordner zückten ihre Smartphones und erstmal passierte nix. Krasse Sache. Allerdings war die Strecke eng, die Tiere hätten nirgendwo hingekonnt und wer hält die schon auf?!?!?

Nach 10 Minuten fuhr dann das erste Polizeiauto vorbei und trieb die Herde etwas an die Seite, aber sie konnte nirgendwohin. Also wieder den Läufern hinterher. Im Wohngebiet verschanzten sich die ersten Menschen schon hinter ihren Zäunen und die Leute der Verpflegungsstation haben ganz schön geguckt als Lämmer und Schafe zwischen den Bänken durchgesprungen sind. Irgendwo zwischen KM 14 und 15 wurde die Strecke weiter und die ersten Schafe bogen auf ein Feld ab. Puh! Hoffentlich ist da sonst nichts weiter passiert.

Nachdem die ziemlich gestressten und kaputten Schafe (ich musste an die Ausdauerjagd aus Born to Run denken … das funktioniert auf jeden Fall) endlich Ruhe fanden, konnte ich mich wieder auf meinen Rhythmus konzentrieren. Ich muss sowieso sagen, dass ich selten so konzentriert und gleichmässig gelaufen bin. Schon wenige Minuten nach dem Start war ich im Tunnel und kam auch so schnell nicht wieder raus.

Halbmarathon ging noch ziemlich locker mit 1:42 durch, wobei die 30K-Pacer da schon gut 100 Meter weiter vorne waren, aber dennoch eine super Leistung. So schnell lief ich HM schon länger nicht mehr. Im Kopf schaltete ich dann auf das nächste Ziel um. Die Uhr zeigte immer noch 30km an, aber 25 waren dann das nächste KM Ziel das ich gerne eingesackt hätte.

Nun ging es aber deutlich länger über offenes Gelände, hier pfiff ein fieser Wind und ich hatte natürlich gerade eine Lücke rausgelaufen – typischer Fehler der mir bei Wind schon zigmal passiert ist. Dennoch hielt ich das Tempo das für mich fordernd aber noch machbar war. Etwas Körner musste ich schon lassen, die Uhr zeigte weiterhin 30km an. An den nächsten VPs nahm ich jeweils ein Cola und ein Wasser und lief stur weiter. So langsam überholte ich deutlich häufiger, einige gingen schon.

Die 25km waren dann aber auch im Sack, nachdem ich auf einem längeren Stück ordentlich kämpfen musste. Mich überholte jemand mit ziemlich Tempo also heftete ich mich ran. Nun war das Ziel klar, 28km sollten es sein. Ich rechnete hoch, das ich nur noch ein paar Minuten laufen müsste – das hat wieder Energie freigesetzt. Beim letzten VP blieb ich kurz stehen, trank was und lief wieder an. Jetzt zeigte die Uhr 27,5km – das ging ja gar nicht.

Also wieder auf freiem Feld Gas geben, hinter Läufer setzen die gleichmässig laufen und los. Nach dem VP gingen auch wieder viele, das gab mir einen Schub. Dann eine spitze Kurve, ich lief die Straße herab auf das 28km Schild zu. Blick zurück aus der Richtung aus der ich kam, da kam das Catcher Car. Also galt es, ich erhöhte das Tempo, die Uhr zeigte 28,5, die ersten Radfahrer kamen und schickten uns auf die Seite. 28km waren geschafft – also jetzt oder nie, jeder Meter zählt.

BAMM!!!!

Nach über 2h in einer Pace um 4:55 konnte ich tatsächlich noch das Tempo erhöhen und dann sah ich doch tatsächlich das 29km Schild vor mir, das Auto direkt hinter mir. Das nenne ich mal Endbeschleunigung, wahrsch. hätte ich noch ein paar Meter mehr holen können – aber eine Runde Zahl ist Spaß genug, der Krampf wäre mir sonst sicher gewesen.

Da stand ich nun, mitten im Münchner Umland bei Regen und Wind. 29,02km – 4:54er Pace. Ich war einfach Sprachlos. Ich habe gemerkt das ein guter Tag für mich war, ich habe gemerkt, dass das Training wirkt, ich habe gemerkt dass mir das Wetter genau recht kam. Aber damit hatte ich echt nicht gerechnet. Als ich mich 2015 für den WFL letztes Jahr angemeldet hatte, war ich topfit und wollte 30km laufen – dieses Jahr wollte ich nur dabei sein und hätte mit etwas besserer Renneinteilung die 30km laufen können. Einfach krass! Glücklich! Dankbar!

Danach joggte ich – nach dem ersten Social Media Kontakt – locker zum Bus. Naja halbwegs locker. Wobei ich einige der Läufer irritiert habe, weil ich rückwärts gelaufen bin … aber das tat meinen Beinen in dem Moment ganz gut.

Im Bus selbst ging es mir leider gar nicht mehr so gut. Das Ding war knallvoll, stickig. Die Leute die am Fenster saßen, wollten das es zu ist und ich hatte bis auf 2,5 Cola seit dem Crepes nichts mehr intus. Ich merkte schon, dass meine Finger kribbelten und mir schlecht wurde. Neben mir kippte ein Läufer mal kurz weg, zum Glück ging es ihm gleich besser. Ich wurde auch schon angesprochen, ob es mir gut ginge – aber ich konnte mich auf den Beinen halten. Gut eine halbe Stunde Rückfahrt (mit Stau auf der Autobahn) ist nach so einer Belastung schon nicht ohne. Wahrsch. wäre ich die 500m zur nächsten VP besser weitergelaufen und hätte mir was geholt. Aber man lernt ja dazu.

Zu guter letzt also nach dem stickigen Bus noch durch eines der schönsten Gebäude Deutschlands und dann… hahaha … sehr gelacht … Treppen nach oben ;-)

Unterzucker beheben, Essen, trinken, raus aus den nassen Klamotten, ab auf die Sitzheizung. Das wars, cooles Ding irgendwie.

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