Nürnberger Halbmarathon – einfach kann ja jeder

Man kennt das ja von großen Marken. Nicht nur das „Greenwashing“ von McDonalds von rot auf grün, sondern auch andere bekannte Marken wechseln Namen und aussehen. Aber wir alle wissen, dass Raider zwar inzwischen viele Jahre schon Twix heisst, aber immer noch ein Raider ist (wer das nicht versteht, ist leider zu jung und ich muss mich extrem alt fühlen).

Als ich 2013 in Nürnberg beim Finish-Line-Herbstlauf gestartet bin, gab es die ein oder andere Überraschung. Die eine davon war, dass der Lauf mitten im August einfach nicht Herbstlauf heißen sollte. Zudem sind die Randbedingungen dort – meiner Meinung nach – nicht unbedingt bestzeitentauglich.

Generalprobensuche

Im Zuge der Berlin Marathon Vorbereitung war ich auf der Suche nach einem Halbmarathon, der laut Greif-Trainingsplan voll gelaufen werden soll. Im Plan steht er offiziell nächste Woche, aber da fand ich einfach nichts. Also habe ich die Wochen getauscht und den Nürnberger Halbmarathon ausgesucht. Nettozeitnahme, gut erreichbar – mit 20 EUR für den Lauf + 3 Verpflegungsstellen und ohne Starterbeutel sicher kein Schnäppchen, aber teurer geht immer.

Nachdem ich meine Trainingseinheiten im Plan nicht mehr voll erfüllen konnte, habe ich mich im Greif-Plan 2 Tempostufen reduzieren lassen, laut dem neuen Plan sollte bei korrekter Steuerzeit eine HM-Zeit von 1:35:42 drin sein. Das wäre ein paar Sekunden unter meiner Bestzeit, die ich im Mai beim FunRun lief.

Nun hatte ich 2,5 Chaoswochen mal mit Training, mal ohne, mal krank, mal fit hinter mir. Dazu kannte ich die Strecke zum Teil schon. Fast überall Schotterfahrwege und (nach Strava-Recherche) um die 130 Höhenmeter. Nichts für eine Bestzeitverbesserung, wenn die Form nicht voll da ist.

Dazu bietet der Trainingsplan in der Woche vor dem HM die Möglichkeit das Ganze zu testen. Einmal 3x3000m Halbmarathonrenntempo und 3×2000 gehören zur Halbmarathonwoche. Bei den 3000er-Intervallen wurde mir sogar nach dem zweiten IV schwummrig – damit war klar, dass HMRT nicht drin ist. Insgeheim habe ich mir das Tempo des Weltkulturerbelaufs vorgenommen, der doppelt so viele Höhenmeter hatte.

Nürnberger Halbmarathon – erstens kommt es anders…

Finsish Line Herbstlauf, Running Concepts, Nürnberger Halbmarathon

idyllischer Start im Wald

Natürlich bin ich auch diesmal wieder total aufgebracht, dass ich erst mal kein Frühstück rein bringe, dafür aber 4 Tassen Kaffee. Nachdem ich mich etwas beruhigt und alles gepackt habe, mache ich mich auf den Weg nach Nürnberg. In gut 40 Minuten bin ich da, genug Zeit um das Ziel zu fixieren und sich mental bereit zu machen.

Es ist schnell ein Parkplatz gefunden und die Startnummer abgeholt. Vor der Toilette eine ellenlange Schlange – zum Glück weiß ich von letztem Jahr, wo nochmals welche sind. Da ist alles OK.

Nach einem kurzen Einlaufen begebe ich mich in den Wald hinein, wo der Start aufgebaut ist. Dann geht es wie immer ganz schnell, etwas bla bla … Countdown … loslaufen.

Erfahrungsgemäß vertraue ich dem Tempo der Uhr nicht und freue mich, nach dem ersten KM-Schild, dass ich nicht zuuu schnell bin. Ich hänge mich das erste Mal an einen Läufer stelle aber nach dem zweiten KM fest, dass dieser zu langsam für mich ist, also laufe ich weiter nach vorne. Der nächste KM in 4:34 ist dann wieder OK, es geht den ersten leichten Anstieg nach oben. Bis hier kenne ich die Strecke.

Ich laufe in einer kleinen Gruppe, es geht wieder bergauf. KM-Tempo von 5:02 – mehr wäre nicht drin gewesen, ohne mich abzuschießen. Die Laufkraft für Höhenmeter ist da, aber die Ausdauer dafür ist weg. Dafür nutze ich mein Mehrgewicht, um bergab kräftig laufen zu lassen. Die nächsten KM pendeln zwischen 4:30 und 4:36. Es geht eine lange Gerade entlang und ich laufe alleine auf eine Läuferin vor mir auf. Immerhin hab ich gelernt, auch zierliche Frauen haben einen Windschatten.

Als es bergauf geht, fällt die Dame zurück und ich nehme auf der gerade den nächsten Läufer ins Visier. Bisher habe ich nur überholt. Die Strecke verläuft ein Stück in der Sonne und ich frage mich, wie es sein kann, dass das einzige Schild, dass neben dem Weg steht zufällig bei einem vollem KM steht. Laut Gefühl laufe ich irgendwo bei 4:39 – was OK wäre, aber den Überblick habe ich dennoch verloren.

Bei der zweiten Verpflegung möchte ich einen Schluck trinken. Der Servicegrad dieser VP besteht allerdings darin, zu dritt hinter den Tischen zu stehen und auf die Becher zu zeigen und zu sagen, was wo drin ist. Natürlich verfehle ich den Wasserbecher, muss stehen bleiben, umdrehen und wieder loslaufen. Das hab ich bisher auch noch nicht erlebt und hat mich ehrlich gesagt etwas sauer gemacht.

Nun geht es erst mal bergauf – ich klemme mich hinter einen Läufer der genau so, wie ich in dem Tempo im Anstieg kräftig leidet. Da es noch gut 9km sind, bleibe ich hinter ihm und lass mich pacen, alles andere wäre wohl mein Verderben.

Als es bergab geht, ziehe ich auch diesem Läufer wieder davon und laufe die nächsten 3km relativ einsam auf den Schotterwegen. Die Blicke auf die abgestoppten Rundenzeiten verheißen nichts Gutes. Immer öfter geht es Richtung MRT und nicht dem geplanten HMRT.

2013 wurde ich an dieser Stelle auch von vielen Läufern, die ich vorher kassiert hatte, überholt. Auch diesmal geht es mir genau so. 5-6 Läufer die ich überholt hatte, laufen an mir vorbei und die letzten 3km fühlen sich richtig schmerzhaft an. Die letzten KM-Zeiten hab ich nicht mehr geprüft, im Kopf hab ich mein Minimalziel von „Weltkulturerbezeit“ auf „1:39“ korrigiert.

Gefühlt passen die 10km-Lauf Schilder und HM-Schilder nicht zusammen, vielleicht hatte ich eine Wahrnehmungsverzerrung, bei gemeinsamen Ziel sollten die Schilder 9km und 20km ja 100 Meter auseinander stehen – gefühlt waren es aber eher 300 … aber egal.

IMG_3384Irgendwie kommt mir der letzte Kilometer viel zu lang vor, trotzdem setze ich noch mal maximalen Druck an, hetze über die Ziellinie und bin tatsächlich etwas geknickt, als ich auf der Uhr keine 1:39 sehen kann.

Der Frust sitzt erst mal. Immerhin hab ich es schon beim Lauf gemerkt. Vor allem der Frust, dass ich am Ende sogar hart an der Grenze war, als ich etwa Marathontempo lief. Nach dem Zieleinlauf war auch mein rechter Oberschenkel kräftig mit mir beleidigt.

Trotzdem hab ich versucht mich brav auszulaufen in irgendwas mit 7er Pace. Ich trottete zurück zum Auto, setzte mich an Steuer und fuhr frustriert nach Hause. Nach intensiver Behandlung mit Blackroll, Liegestuhl und Rennrad stieg meine Laune wieder.

Immerhin konnte ich in der AK30 7. von 24 werden. Also bin ich im ersten Drittel gelandet.

Lesson learned?

Und was ziehe ich jetzt für Schlüsse aus diesem Lauf? Vielleicht, dass meine Form im Mai einfach grandios war. Ich glaube es sogar geschrieben zu haben, ich war in der Form meines Lebens. Die vielen Radkilometer und das knackige Lauftraining haben mich zu den Bestleistungen gebracht, die mich motiviert haben das Ziel 3:29 für den Berlin Marathon auszugeben.

Dazwischen lagen einige Monate an Chaostraining, Rennrad hier, Trail da. Auch wenn ich massiv höhere Umfänge laufe als in der ersten Jahreshälfte, das Tempo fehlt. Nun kann ich gerade so mein Ziel erreichen – wenn ich da noch den Premieren-Malus abziehe, ist es einfach schlauer nicht mehr die 3:29 direkt zu forcieren. Ob ich es schaffen kann, kann jetzt nur noch das Training zeigen, ein weiterer HM passt nicht in den Plan, da ich schon aufgrund es Infekts zwei 35er sausen lassen musste.

Als Trostpflaster kann ich ja behaupten, so schnell war ich so schwer noch nie.

Würden Läufe am grünen Tisch entschieden, könnte ich ja zufrieden sein. Wenn ich beim Greif-Gewichts-Rechner mein WK-Gewicht vom Mai ansetze, würde die Zeit 1:38:38 entsprechen und ich wäre happy gewesen.

Würden Läufe am grünen Tisch entschieden, könnte ich auch nochmals zufrieden sein. Umgerechnet auf eine flache Strecke wäre das eine 1:38:19 gewesen und meine Zielzeit hätte statt 1:35:42 flach 1:38:09 sein müssen.

Hätte, hätte Fahrradkette – also halten wir fest, die Strecke war anspruchsvoll und schwierig zu laufen, meine Form ist nicht top, weil ich mich richtig fies quälen musste (auch am Tag danach zeigte die Fenix noch Erholungsstatus „schlecht“) aber rein rechnerisch war ich im Plan. Nur blöd, dass ich den Berlin Marathon tatsächlich laufen und nicht rechnen muss.

 

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