Stubai Ultratrail – chasing Waterfalls

Als Social Media Hans vom Dienst hat man es ja leicht. Also nicht weil ich jetzt so 1 krasser Influencer bin und alles in den … ähm … Dinge gesponsort bekomme. Nein, ich meine das Spiel mit der Emotion. Mit dem Augenblick.

Wer öfter in diesem Blog liest weiß es ja sicher, auch wenn ich gerne viel rede (der Podcast ruht aktuell nur), ich schreibe eben auch gerne. Für Literatur hat es nicht gereicht und für längere Sachen fehlt mir die Motivation (verrückt … beim laufen geht’s) und so spiele ich auch gerne in meinen Blogs zwischen den wahren Gefühlen und Erlebnissen und natürlich der Zuspitzung.

Apropos Zuspitzung – das passt ganz gut, denn mit meinem diesjährigen Jahreshighlight hat sich so einiges zugespitzt. Zum Beispiel die maximale Anzahl an Höhenmetern die man so beim laufen zurücklegt. Was hat das jetzt mit meiner Schreiberei zu tun? Naja, sonst schreibe ich ja gerne auch über die Vorgeschichte und warum ich mich wo angemeldet habe. Das lasse ich mal weg.

Dafür hab ich die letzten Tage vor dem Stubai Ultratrail aber durchaus genossen mich medial etwas in Selbstmitleid zu wälzen in der „Angst“ vor dem Höhenprofil. Klar, auch wenn ich viele Sachen über Twitter jubele sind da auch absichtlich zugespitzte Tweets dabei. Die vom Stubai Ultra changierten irgendwo zwischen der Faszination dieser Streckenkonstruktion, der Faszination meinem eigenen Mut gegenüber und der Erkenntnis das ich immer noch einfach melde und nicht denke.

Kurz gefasst habe ich ja vielen Leuten erzählt, ich hätte mich beim Stubai Ultra angemeldet, weil ich nicht bergab laufen kann und es da quasi „nur“ bergauf geht. Ganz klare Fakenews. Man läuft auch locker ca. 2.500HM bergab. Das entspricht in etwa dem ZUT Basetrail XL (was ihn aber unterscheidet … dazu gleich mehr). Also war es die Abenteuerlust, die Lust darauf sich neuen Dingen zu stellen und da gab es einiges.

URBAN2GLACIER

Dinge die mich am Ausdauersport und am langen Laufen faszinieren ist die Fortbewegung in eigener Muskelkraft. In meinem näheren Ausdauersport-Dunstkreis gibt es viele Freunde der Kreisrunden Laufbewegung oder der kleinteiligen Ausdauersportbetätigung (vgl. #SCHLEM), das ist auf eine verrückte Art faszinierend.

Faszination auf einer ganz grundlegenden Ebene ist für ich aber die weite der Fortbewegung. Seitdem ich meinen ersten 30er gelaufen bin, bin ich Fan des Punkt-zu-Punkt-Laufs. Warum? Er verdeutlicht dem Läufer noch mehr als die Rundstrecke die Fähigkeit sich mit eigener Kraft sehr weit fortzubewegen. Eine Runde um die Heimatstadt (damals 49km) ist auch cool – aber 49km am Stück sehen auf so einer GPS-Karte und bei Strava eben nach richtig Strecke aus. Punkt zu Punkt Strecken faszinieren auch Nicht-Sportler deutlich mehr.

Der Stubai Ultra treibt das auf die Spitze (5 EUR ins Ultratrailwortwitzschwein), die Idee aus einer Stadt in ein Tal und an dessen Ende bis zum Gletscher hinauf zu laufen ist so absurd, dass es einfach getan werden muss. Warum muss man das laufen … weil die Strecke da ist!

So finde ich mich am Samstag Morgen um kurz nach Mitternacht mit meiner Familie – die teilweise sehr schlaftrunken den Familienvater vor dem Tiroler Landestheater abliefert – in Innsbruck wieder. Auf dem 800m langen Weg vom Hotel zum Start erblicke ich das Innsbrucker Nachtleben und frage mich, wann ich zuletzt an einer Freitag Nacht durch eine Innenstadt gelaufen bin. Keine Ahnung, der Grund war aber sicher eine Feierei.

Was ist nun besser? Feierei oder Ausdauerei? In meinem fortschreitenden Alter kann ich diese Frage zu diesem Zeitpunkt nicht abschliessend bewerten. Eines ist aber klar, so routiniert wie ich damals Feiern ging schreite ich jetzt zum Start. Abgeklärt, nicht wirklich aufgeregt, motiviert. Ich freue mich, dass meine Frau und der Kurze mit am Start stehen – das ist nicht selbstverständlich und gibt mir nochmals zusätzlich Antrieb.

Dann das übliche, Ausrüstungskontrolle, ab in die Box und warten. Die Anfeuerungsversuche der Moderatoren klappen bei Leuten die von 1:00 Uhr Nachts gut einen halben Tag laufen werden nicht recht. Da wird jede kcal gespart. Ich muss schmunzeln, wie sich die Ultratrail-Crowd der Laune verweigert. Aber auch so vergeht die Zeit.

Neben der Startaufstellung steht ein Pärchen des Nachtlebens, die mit einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen die Läufer betrachten, dann Videos per WhatsApp versenden und letztlich zu den Beats der Lieder mitwippen. Auch mal eine neue Erfahrung. So vergeht die Zeit bis zum Start – ich bleibe ruhig – es geht los und die Läufer verlassen den Vorplatz um im neutralisierten Start durch Innsbruck Richtung Bergisel zu laufen.

Eigentlich könnte das auch des Absurdistan Ultratrails sein, denn die Querung der Innenstadt wird von Passanten beäugt, von jungen Kerlen die besoffen aus einem Etablisement taumeln mit aggressiven Luftschlägen vertrieben und von feierwütigen Leuten am Bürgersteig mit der Frage „Waruuuumm machtsn ihr des?????“ kommentiert. Tja … wenn wir das nur wüssten!

Viel schneller als ich das will, lasse ich mich aus der Stadt ziehen. 5:30er Pace – keine gute Grundlage für mich in Verbindung mit einem Ultra. Aber irgendwie geht es ja. Wir laufen Richtung Bergisel. Links Stadt, rechts Stadt, vorne Stadt, hinten Stadt…

Cut

(cooler Reim oder? … jetzt aber weiter im Text) … und dann? Dann läuft man über einen Parkplatz. Leicht links ab. Unter der Autobahn durch – die Stadt ist weg und da ist ein Trail.

Nach dem surrealen Anfang in der Stadt ist das wie ein Kulturcrash. Es ist immerhin mitten in der Nacht. Auch wenn vor wenigen Tagen Vollmond war, es ist dunkel. Die Stirnlampenkegel tanzen über den Boden. Hier profitiere ich vom guten Tempo in der Stadt. Ich habe mich richtig eingeordnet und lasse mich von der Masse durch die Sillschlucht schießen. Der Blick immer auf die Schuhe des vorderen Läufers. Die Füße im Lichtkegel.

Wurzeln, Steine, rutschige kleine Felsen – alles nicht so einfach im Lichtkegel der Lampe. Dieses Petzl Dings macht eine prima Arbeit. Da ich nicht so lange Licht brauche, steht der Modus auf maximale Lichtausbeute. So hab ich die Lampe noch nie genutzt. Der Lichtkegel ist dort wo ich ihn haben will. Auch wenn ich mental schon sehr angestrengt bin, fühle ich mich sicher. Die Schritte sitzen und ich sehe was ich sehen muss.

Auch in der Schlucht habe ich das Gefühl, viel zu schnell zu sein. Aber es geht gar nicht anders. Vor mir läuft jemand, das Gefühl ich gut – hinter mir auch 2-3 Meter Abstand. Viel entspannter als beim U.TLW. Also lasse ich mich mitnehmen. Irgendwo rauscht es, mal laut, mal leise. Aber das wird mich begleiten. Das Wappen-Geräusch des Stubai Ultra ist auf jeden Fall rauschendes Wasser, so viel ist sicher.

Bei Tag ist es dort sicher sehr schön – Nachts hört man hin und wieder gespenstische Geräusche. Ansonsten ist der Trailrunner-Tross erschreckend leise unterwegs. Finde ich zu dem Zeitpunkt verrückt.

Konstant im Tempo geht es weiter. Irgendwie laufen wir über einen Verkehrsübungsplatz oder so. Die Autobahn ist nah und wir wechseln auf einen Forstweg, der leicht bergab führt. Die Uhr zeigt schon gut über 150HM an und es fühlte sich gar nicht so an. Schneller als gedacht stehe ich am ersten VP und ärgere mich etwas über die rüpelhaften Mitläufer die sich ums Wasser balgen. Wir haben bis hierhin 1:10h gebraucht – gut 20 Minuten mehr als die ersten. Hier lief keiner mehr um ne Platzierung …aber nee … wir müssen vor der VP rumstehen und uns blockieren. Sorry – das ging mir auf den Zeiger.  Zudem war das – meiner Meinung nach – die VP mit den unmotiviertesten Helfern. Schade.

Ich nehme im Becher was zu trinken, gehe weiter – nehme langsam wieder Tempo auf und nach kurzer Zeit wird das rauschen wieder lauter. Die Strecke taucht auf den nächsten flowigen Trail. Diesmal wieder das gleiche. Blick im Lichtkegel. Läufer vor mir. Ich folge sicher und laufe konzentriert über Gras, Steine, Wurzeln. Auch hier stelle ich mir vor wie toll vielleicht dieses Fleckchen Erde bei Tag sein mag. Dieser fluffig-flowige Trail fixt mich an.

Auf der Karte sehe ich, am Ende sind wir wohl unterhalb der Europabrücke rausgekommen – aber es ist ja noch Nacht. Also im lockeren Trab weiter Richtung zweiter VP. Ich gucke auf die Uhr und vermisse noch gut 150-200 Höhenmeter bis zur VP, aber die Strecke lässt mich nicht im Stich. Die kommen schon noch.

Arbeitstier

Innerlich schalte ich auf den Arbeitstier-Modus. Das Tempo habe ich reduziert, aber ich laufe an kleinen Anstiegen immer noch 30-50m weiter als der Rest um mich herum. Übermut und so. Richtung der nächsten VP in Telfes geht es kräftig nach oben. Ich lasse mich – wie so oft in meinem Läuferleben – von einer Frau pacen. Sind wir doch mal ehrlich – Frauen die da laufen wo ich im Regelfall laufe sind meist sehr gut trainierte und bedachte Sportlerinnen. Die verzocken sich nicht, sonst würden sie wahrsch. weiter hinten laufen – aber sie übertreiben auch nicht … weil sie eben nach meiner Erfahrung sinnvoller mit ihren Kräften umgehen.

Am VP2 fange ich dann auch mal an zu essen. Wasser und ISO in die Flasks und es gibt Brote. Sehr leckere Brote. Die Plan-B Verpflegungen sind ja echt immer erstklassig, aber die beim Stubai Ultra waren mir für einen Vegetarier leider zu süß. Brot mit Himbeermarmelade gab es fast überall, aber Erdnussbutter z.B. nur an zwei VPs (also so hab ich das gesehen). Aber Anfangs geht süß noch, ich nehme mir 2-3 Brotstücke und fülle nach einem Getränk noch mit gesalzener Gurke nach. Danach weiter hinaus in die Nacht.

Erst noch laufbar wird es ganz schnell ganz steil. Das allgegenwärtige rauschen ist jetzt genau nebenan, während wir uns einen sehr steilen Fahrweg hochschieben. Ich habe Assoziationen mit dem ZUT und dem gräuslichen Aufstieg auf den Osterfeldkopf, aber nach ein paar Metern verschwindet die erstklassig markierte Strecke mit dem Bach im Unterholz und wir bewegen uns weiter bergauf.

Um mich herum ist nicht mehr so viel los. Es rauscht, aber sonst ist es still. Jetzt wird gestiegen – obwohl das doch recht anstrengend ist wird es frisch. Ich nestle meine Regenjacke aus dem Rucksacke und ziehe sie drüber. Schon besser. Ein Blick zurück Richtung Tal lässt erahnen, dass der Sonnenaufgang gar nicht mehr so weit entfernt ist. Der Weg wird flacher, der Wald lichter ich mache ein Foto und ich höre die ersten Vögel singen. Verrückt.

Irgendwo vor uns ruft jemand nach den Kühen um sie zum melken zu treiben. Die VP3 Schlickeralm ist ganz nah. Vor mir die Alm dahinter Berge, darüber ein riesiger Mond. Das kühle Wissen im Kopf, dass man diesen Anblick leider nicht fotografieren kann nehme ich das Bild mit. Graue Dämmerung, der Mond genau über dem Berggrat und davor die Ebene mit der Alm. (ich mache trotzdem ein Foto … aber es ist anders).

An der VP gibts jetzt auf Cola und danach einen Tee. Es ist wirklich kühl und ich überlege ob ich Handschuhe und Mütze raushole, gebe mir aber noch etwas Zeit. Immerhin kann man im Blick zurück die ersten Sonnenstrahlen sehen. So geht es weiter, noch gut 800HM sind zu überwinden meint der Herr in der VP, also los.

Der Tag bricht an

Auf dem Weg zur Starkenburger Hütte feuert die Strecke jetzt mal ab was sie kann. Sorry lieber Basic-Trailer, aber ihr bekommt nicht das beste dieser Strecke zu sehen. Ab der Schlickeralm geht es auf dem kleinen Hochplateau auf dem wohl im Winter Ski gefahren wird erst etwas weiter hinein zum Berggrat und dann erst über einen sehr bequemen Wanderweg, der aber tolle Aussicht bietet später eine Skipiste quert und sich in Serpentinen bis zur Sennjochhütte schlängelt.

Dort oben gibt es ihn dann auch, den Blick der mich damals zum Anmeldeklick gebracht hat. Himmel, Berge, Lawinensperren … alles im Morgenlicht. Ich bin sehr zufrieden mit mir und dem Leben.

Schön!

Es folgt der nächste Teil des Feuerwerks. Nun weiter aufwärts. Was für eine tolle Strecke. Hier wird von Otto-Normal-Trailrunner natürlich nicht mehr gelaufen, aber die Strecke ist trotzdem toll. Felsig geht es aufwärts über einen kleinen Grat und auf der anderen Seite tatsächlich leicht lauf- oder trabbar am Hang entlang. Wie geil! Der Weg schlängelt sich entlang bis man wieder zwischen Lawinensperren läuft. Der Blick nach unten ist atemberaubend. Die Starkenburger Hütte ist zu sehen, aber erst mal muss man da wieder runter.

Schade, denke ich – jetzt kommt Downhill und der ist nun mal nicht mein Leibgericht. Vorher hab ich aber noch neben einem halben Liter Cola eine Suppe, einen Tee, Brot und Gemüse mit Salz verdrückt. Das sollte reichen. Vorsichtig mache ich mich auf den Weg Richtung Neustift. 5km Downhill sollen folgen.

Letztlich bin ich bis Neustift (KM 35) also quasi den Basetrail XL des ZUT gelaufen, nur mit dem Unterschied, dass noch gut 30km und ca. 2.800HM danach kamen. Dieser Gedanke verfolgte mich beim Downhill ständig. Dennoch versuchte ich so konzentriert wie möglich zu laufen. Im Hinterkopf wie bei jedem Lauf dieses Jahr … sicher laufen, Bänder heil lassen! Also lieber weniger Tempo und mehr sicherheit bergab. Ja das kostet mehr Kraft. Dort wo es ging lies ich es aber auch rollen. Nur meine Uhr wollte nicht so schnell 5km mehr anzeigen, wie ich es mir wünschte.

Mit einem beherzten Sprung über eine Wurzel legte ich mich übrigens das einzige mal bei dem Lauf flach. Aber nichts weiter passiert, ein kleiner Kratzer am Bein, aber sonst ohne Schaden. So schlängelt sich der Weg nach unten und ich komme mit einem Mitläufer ins Quatschen. Das macht den nervigen Downhill angenehmer. An der VP Neustift angekommen wird erstmal gut verpflegt, die Jacke wieder abgelegt (es wird echt warm) und alles wieder aufgefüllt.

Der nächste Part soll erholend sein, für den Anstieg. Naja was Ultraläufer eben so sagen. Ich trabe aus der VP, überquere die Straße und frage mich ob es wirklich so erholend ist, gleich wieder auf der anderen Talseite nach oben zu steigen. Das fand ich blöd.

Im Hinterkopf hatte ich, dass auf den nächsten „Hastenichtgesehen“ KM ca. 1.100HM zu überwinden sind – aber nicht wirklich steil, sondern sie sind da. Und ja … sie waren da! Nach dem kurzen Anstieg schlängelte sich ein lockerer Wanderweg an der Talseite entlang, dann wieder an der Straße und danach wieder ein Stück im Wald. Ich lief allein. Keiner vor oder hinter mir. Das meine Uhr – ob des stehenbleibens an den VPs zu viele KM anzeigte – hatte ich da nicht auf dem Schirm. Darum erhoffte ich mir die nächste VP schneller als sie wirklich kam. Denn die 1.100HM wollten alle persönlich hart erlaufen sein.

Bei allem was ich so laufe, sollte das locker gehen. Aber diese 1.100HM waren (wahrscheinlich mental) schlimmer als die restlichen 3.900HM. In einer Mischung aus laufen, traben und gehen bewege ich mich also langsam das Tal entlang Richtung Gletscher. Die „Xkm to go“ Schilder machen mir klar, dass die Uhr gerade zu viel anzeigt und ich rechne nochmal neu.

Aber egal – die nächste VP muss gleich kommen. Sie muss! Denn es ist ganz schön warm, wo man keinen Schatten mehr findet. Ich fülle an der VP erstmal wieder Cola nach und nehme mir etwas länger Zeit. So langsam spüre ich, wie der Lauf mir die Kräfte nimmt. Es ist noch ganz schön weit bis zum Gletscher und nach der VP macht die Strecke was sie am besten kann – es rauscht und schon biegt man wieder auf irgend einen Wanderweg der in Serpentinen nach oben geht. Verrückt… eigentlich müsste man am Ende nur noch am Bergkamm entlanglaufen … so oft läuft man hoch.

Wilde Wasser – gezähmter Läufer

Mit mir läuft ein Italiener – ich will ihn vor mir auf den Trail lassen, er winkt aber ab. Nun gut, er folgt meinem Rhyhtmus. Geht wenn ich gehe und läuft wenn ich laufe. Aber laufen ist nicht mehr so einfach. Eher schnaufen. Nach einem Part in der Sonne, halte ich kurz im Schatten, drücke mal wieder ein Gel rein und trinke dazu. Ich lasse ihn jetzt vor und verschwinden. Ehrlich gesagt will ich jetzt meine Ruhe.

Laufen macht nicht mehr so viel Spaß, bzw. es fühlt sich an, als hätte jemand meine Sohlen geschmolzen und jeder Schritt dient dazu den Kleber zu lösen. Aber die Ruhe um mich herum hilft mir. Ich hab den „das werde ich schaffen“ Punkt schon ab Neustift überwunden gehabt. Also durchhalten. Das Ziel (mal waren es 12h … zu Kollegen sagte ich „um die 13h“ ) scheint machbar, tatsächlich war ich bis Neustift sogar sehr zügig unterwegs.

Aber so langsam schalte ich vom Kampf- in den Ankommen-Modus um. Nicht das ich etwas anderes vorgehabt hätte. Es geht auf den Wilde Wasser Weg. Sehr spektakulär. Wieder viel rauschen und tolle Anblicke. Der Gletscher oder irgend etwas ähnliches ist gar nicht mehr zu sehen, denn von den mühsam gewonnenen Höhenmetern knappst man kräftig was ab um runter ans Wasser und in eine Schlucht mit rötlichem Gestein zu kommen. Dann wieder hoch, Brücken, Wasserfälle, tosendes Wasser und da vorne kommt schon die nächste VP.

Ich laufe rein, ein anderer läuft raus – hat vorher aber noch mit seiner Mutter telefoniert und angekündigt, er wäre in 45 Minuten in Mutterberg. Irgendwie nehme ich diese Zeitrechnung an – beim Blick auf die KM Tafel am VP-Zelt bin ich aber etwas ungläubig, ob ich (oder der andere?) das auch schaffen.

Erst mal setze ich mich aber ein paar Minuten hin. Ich zwänge mir neben Brot auch Kuchen rein und begieße alles mit einer Cola. Wie gern hätte ich jetzt was herzhaftes gegessen, was kein Käsebrot war. Ich schnappe mir eine Melone und mache mich auf dem Weg zur Mutterbergalm. Letzter Stop vor dem finalen Anstieg.

Auf diesem Abschnitt lasse ich viele Körner. Ich gehe öfter als es sein muss, mir ist viel zu warm in der Sonne und ehrlich gesagt bin ich genervt von jeder Serpentine die wieder 3-5HM Gewinn ausmacht. Im dahintraben werde ich seit der letzten VP das erste mal wieder von Ultraläufern überholt. Ich fühle mich wie eine Schnecke.

Nach meiner Uhr und den angezeigten HM kann es aber nicht mehr ganz so lange hin sein. Also Zähne zusammenbeissen. Es blitzen Gedanken auf den Anstieg einfach abzublasen. Auszusteigen. So akut kannte ich das noch nie, aber erst mal ausruhen, dann über Entscheidungen nachdenken.

Ich laufe an der Talstation vorbei und schiebe den müden Körper über die letzten paar Meter Asphalt zur VP und vorher durch den Medical Check. Ich rufe den Herrschaften zu, mir ginge es gut – aber drinnen bin ich froh zu sitzen und das nasse Shirt gegen ein trockenes zu tauschen.

Wieder kommt Kuchen, Brot & Co. zum Einsatz. Gleich kommt mich aber auch meine Familie besuchen. Das wird toll – also jetzt mal noch nicht aufgeben, weiter essen was warmes trinken, den Rucksack umpacken. Alles was raus kann geht in den Dropbag. Nachdem ich mich gleich wieder von der Familie verabschiede geht es an den finalen Anstieg. Frau und Sohn nehmen die Gondel – ich die Serpentinen.

Aufwärts immer, abwärts nimmer

Am Einstieg zum Wanderweg steht, wie weit es zur Dresdner Hütte ist – der nächste VP. Normalerweise nehme ich von Wanderzeiten gut die Hälfte, aber mein Gefühl sagt mir … aktuell kommt das schon nicht mehr hin. Von selbst geht gar nichts mehr. Ich ziehe und schiebe mit Hilfe der Stöcke den müden Körper über den Weg. Überhole wandernde Rentner und werde von einem kleinen Jungen mit einem Ast in der Hand bejubelt (wow).

Aber ich merke, nicht nur die ungewohnte Höhe sondern auch die schon über 10h andauernde Belastung fordern meinem Körper alles ab. Ich muss viel öfter  stehenbleiben als ich das will. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich beim ZUT 2015 am Aufstieg zum Kreuzeck. Alle paar Serpentinen musste ich damals stehen bleiben. Jetzt auch wieder – nur die Ausgangslage ist eine ganz andere.

In meinem Kopf spinnen wieder die Gedanken. Ich hätte doch jetzt schon so viel erreicht. Guck doch mal wie ermüdet der Körper ist, vielleicht kommst Du gar nicht gesund oben an, weil du so kaputt bist. Du kannst doch einfach an der Dresdner Hütte aussteigen und mit der Familie wieder runter fahren. Einfach Bescheid sagen, abmelden und fertig.

Im Nachhinein irre, aber die Gedanken waren da. Aber ich gab nicht nach. Kehre für Kehre, Schritt für Schritt näherte ich mich der Dresdner Hütte. Als mir mein Sohn entgegenkam war alles vergessen, es gab mir einen mega Schub und ich lief zur VP wo auch meine Frau wartete. Ein sehr tolles Gefühl. Ich verpflegte mich, nahm noch ein Gel von der VP und lies mich wieder mit Cola abfüllen.

Der Blick nach oben war atemberaubend. Dort wo die Seilbahn verschwindet ist der nächste VP. Es sollte gar nicht so weit sein, aber es wurde immer weiter. Kurz vor der Dresdner Hütte wurde ich von einer Wanderin überholt. Kein Ding – sind auch fitte Leute, die eben nicht schon fast 60km in den Beinen haben. Aber gut – weiter auf den nächsten Punkt bis zur VP Eisgrat.

Demotivierend ist noch untertrieben was jetzt folgte. Nach einem kurzen Schlängeln am Berg entlang konnte man plötzlich rechts oben die Bergstation Eisgrat sehen. Und darunter viele kleine bunte Punkte die sich hin und her bewegten. Als inzwischen doch halbwegs geübter Trailrunner weiß man das abzuschätzen. Sind die Menschen Ameisengroß und gibt es viele Serpentinen dauert es gefühlt ca. ewig, vllt. 2-3 Minuten weniger bin man oben ist.

Da mich inzwischen ständig die schnellen Basic-Trailer überholten sah ich die vor mir nach und nach immer kleiner werden und auf dem Weg verschwimmen. Beneidenswert – wer hier so schnell ist, guckt nicht minutenlang zum nächsten Ziel und nichts passiert.

Kuhglocken läuten von da oben, Menschen klatschen … ich bin froh wenn wieder ein Basictrailer überholt … kann ich doch stehen bleiben. Oder sogar sitzen. Ich muss! Es geht nicht anders.

Die zweite oder dritte Frau des Basictrails läuft an mir vorbei und ruft. Jetzt nicht hinsetzen, wir sind doch gleich an der VP. Ja klar, meine Gute. DU – im zügigen Tempo… ich brauche dafür noch so lange bis die nächste Eiszeit den Gletscher zu mir runter bringt. Aber auch diese mentale Delle überwinde ich.

Ich besinne mich auf ganz einfache Tricks. Ich benenne jeden Schritt. Links – rechts – links – rechts – links – rechts.

Mantras helfen das unnötige denken einzugrenzen. Auch wenn es verrückt ist, aber man bringt denken und handeln wieder überein. Die Gedanken brechen nicht mehr aus und randalieren in dir, sondern … links – rechts – links – rechts…..

Verrückt was in einem so dann passiert. Plötzlich denkt das Gehirn … ja, du sagst jetzt hier links rechts usw. … das gilt ja für die Füße, aber guck mal, die Arme machen das genau anders herum. Auch hier muss ich ob meiner Ultra-Demenz kurz über mich selbst schmunzeln.

Inzwischen muss ich ein Schneefeld queren und frage mich was der Mist soll. Die kleinen Teller an den Trailstöcken helfen da nichts. Wenn man ausrutscht und sich abstützt sinken die Stöcke ein. Doof! Aber… auf das wichtige konzentrieren. Links – rechts – links …

Die Ameisen vor mir werden langsam größer, aber sie laufen immer noch in ganz schön engen Serpentinen nach oben. Die Station Eisgrat ist aber deutlich zu erkennen. Ich nehme alle Kraft zusammen und stemme mich wieder nach oben. So langsam erkenne ich die Anfeuerer. Aufgeben ist nicht mehr.

Kurz vor der VP ruft ein älterer Herr – „Wer es bis hierher geschafft hat, kommt auch ins Ziel“. Ja man! Verdammt recht hat er. Jetzt wäre es ja noch bekloppter aufzugeben.

Während ich auf die VP zulaufe ruft der Moderator vor Ort meinen Namen auf, beim Hinweis auf den Teamnamen #allebekloppt muss ich mir innerlich gratulieren. Besser kann man das alles nicht zusammenfassen.

Viel essen kann ich nicht mehr. Diesmal lasse ich eine Softflask mit Cola füllen, nehme einen Tee und Brot. Alles für die letzten 1,5km … klingt nach nichts, ist aber nach über 60km viel viel mehr als nichts.

Dunkle Zeiten

Als ich entscheide jetzt weiter zu laufen und nicht länger zu warten bin ich mir noch gar nicht sicher ob ich finishe. Das ist die härteste Prüfung. Nach 61,6km nicht sicher sein, dass man die letzten 1,5km schafft.

Raus aus dem VP läuft man über den abgedeckten Gletscherschnee. Nicht ganz so angenehm, denn der Schnee unter dem Vlies ist trotzdem weich. Aber immerhin rutscht man nicht weg.

Der Blick gen Gipfel ist verrückt. Auf einer Skipiste steigen Läufer auf geradem Weg nach oben. Die ersten Schritte auf dem sulzigen Schnee nehmen mir jede Hoffnung, dass dieses Drama jetzt schnell vorbei sein könnte.

Zwei Schritte vor, dann wieder abrutschen. Der Schnee ist weich und der Grip der Schuhe nicht unbegrenzt. Wie weit es da hoch genau ist weiß ich nicht, aber ich sehe in der Mitte eine Pistenraupe und die sieht klein aus. Also kämpfen, steigen, gehen … und stehen. Auf fast 3.000HM ist alles etwas schwerer… vor allem an so einem Tag.

Das Mantra ist wieder da, aber es macht mich innerlich fuchsteufelswild, dass die beschwerlichen Schritte, die ich meinem Körper noch abringen kann, kaum für Vortrieb sorgen. Ich fühle mich kraftlos und tatsächlich so verzweifelt, wie selten während einer sportlichen Betätigung.

Wenn es denn mal eine Unterzuckerung ist, klar – das merkt man und kann man beheben. Aber ich bin gut versorgt, ich verstehe einfach nur nicht warum ich gerade auf fast 3.000 Meter über dem Meeresspiegel … nach über 13h auf einer sulzigen Skispiste stehe und mit Trailrunning Schuhen und Stöcken versuche, diesen Kack-Berg hochzukommen. Es gibt auf Facebook das passende Foto dazu, ich stehe zwar unscharf im Vordergrund – aber man sieht, ich stütze mich auf die Stöcke und kann einfach nicht mehr. Ich bin nicht der einzige.

Aber was ist die Alternative? Aufhören? HALLO??? Nein … das wissen wir alle, aufhören gibt es da nicht mehr. Also neues Mantra – beide Stöcke vor mir in den Schnee bohren und vier kleine Schritte machen. Wieder schön mitzählen. Das klappt erstaunlich gut. Ich rutsche nur noch den 6. oder 8. Schritt weg. Dennoch brauch ich ständig Pausen, aber dennoch komme ich dem Ziel näher.

Nach dem Ende der Piste noch 300m höre ich die Jungs von der Bergwacht rufen. Na dann … das klingt gut. Und es ist die beste Option aus dem Irrsinn zu entkommen. Also wieder Stöcke rein, hochziehen, Schritt für Schritt.

Diese Skipiste ist in all der Sonne und dem hellen Schnee ein sehr dunkler Ort. Ein Ort der Selbstzweifel. Der Frage ob man sich diesmal vielleicht doch übernommen hat. Ob man hier seinen „Endgegner“ findet. Die Frage nach dem Warum schwebt ständig über einen, bei jedem Schritt breit zuzuschlagen. Dieser letzte Streckenteil, destilliert die negativen Gedanken des Trailrunners. Übrig bleibt Wut und Haß, Frust und Verzweiflung … aber auch die Chance das alles hinter einem zu lassen. Selbsterfahrungstrip im Sulz-Schnee!

Ich drücke mich über die Kuppe und man kann das Ziel sehen. Unglaublich.

Wie lange ich gelaufen bin, weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich werde noch von Basic-Trailern und 2 Ultras überholt. Aber was ist mir das egal. Ich werde das verrückte Ding finishen. Schiebe mich per Stöcken über den Schnee, kein Zielsprint sondern einfach nur über die Matte gehen und fertig sein.

Mindestens 63,1km gelaufen zu sein mit gut 5.075 Höhenmetern. Das ist nichts was man einfach so versteht, schon gar nicht nach dem Finish. Mein Sohn und meine Frau sind da, sie freue sich … ich bin so unglaublich erleichtert und so unglaublich leer.

So wie ich wenige Minuten vorher die dunklen Seiten meiner Ausdauerseele betrachten konnte, so schnell bin ich einfach nur leer. Alles macht Platz für den stolz so ein dickes Ding erreicht zu haben.

Meine Frau macht ein Finisher Foto von mir – eines der wenigen die es von mir so kurz nach dem Ziel gibt und bei denen ich so zufrieden und glücklich gucke. Irgendwas hab ich wohl doch richtig gemacht.

Ich esse einen Kaiserschmarrn der mir nicht schmeckt (aber nach so nem Lauf schmeckt eh nie was), trinke ein alkoholfreies Weizen und dann fahren wir langsam wieder gen Tal und ab ins Hotel.

Was für eine Nummer… von Innsbruck zu Fuß durchs Stubai Tal auf die Jochdohle. Krasser Scheiß! Dabei war ich nicht „schnell“, aber das bin ich nie. Ich war beständig, ich habe nicht aufgegeben und ich habe mich durchgesturt.

Jetzt habe ich so viele Worte geschrieben, es sind über 4.500 Stück – aber eine Moral wird es nicht geben. Ich hoffe die Geschichte spricht auch so für sich.

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4 Comments

  1. Ich war so froh, als Du dann oben auf dem Gipfel warst..! Denn irgendwie habe ich innerlich gespürt, dass es dir grad alles andere als gut ging. Das war ein krasses Ding 😘🙏🏻❤️

  2. Waaaahnsinn – eine megamäßige Leistung und ein wirklich fesselnder Artikel. Zumal ich von Neustift aus alle Strecken, die Du mal kurz in einem Stück erledigt hast, in einem Wanderurlaub erlaufen hatte…

    Nun bin ich noch schwerer beeindruckt, als ich es eh schon bin vor den Leistungen der #allebekloppten

    Hoffentlich kommen weitere tolle Berichte!

  3. Lieber Daniel,

    was für eine Leistung, die Du da schon wieder vollbracht hast. Du kannst zu Recht wahnsinnig stolz auf Dich sein. Es scheint, als hast Du Deine eigenen Grenzen wieder einmal verschoben. Das letzte Stück klingt brutal und ich bin mir sicher, dass viele diesen „Abschlussabschnitt“ genauso empfunden haben wie Du. Die Erleichterung im Ziel muss riesig gewesen sein.

    Herzliche Gratulation zu dieser Leistung! Und jetzt gönne Deinem Körper und Deinem Geist ein wenig Pause :-)

    Liebe Grüße,
    Hannah

  4. Respekt, sau starke Leistung und super geschrieben.

    Wenn man den Bericht liest, leidet man richtig mit Dir und würde Dir am liebsten ein Parket Kraft rüberschicken.

    Gute Erholung!

    Viele Grüße

    Rene

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