Vereinbarkeit gibt es nicht

Kennt ihr eine der Top-Lügen der Modernen Menschen? Es ist die Vereinbarkeit, die Balance, der genaue Ausgleich zwischen den Dingen. Aber in Wirklichkeit gibt es den gar nicht. Kann es auch gar nicht. Wie man sich seit Jahren einredet, man könne mehrere Dinge gleichzeitig tun – Multitasking … super Geschichte. Inzwischen fängt man an das wieder leicht zu demontieren. Dabei war es aber doch die Lösung für so viele Probleme, am besten alles gleichzeitig machen, dann ist man schneller fertig.

Heute weiß man, von wegen – je mehr man gleichzeitig macht um so schlimmer. Zum einen wird alles fehleranfälliger zum anderen manövriert man seinen Körper und seinen Geist in einen Zustand des „von allem ein wenig, aber nichts wirklich richtig“. Deswegen ist Meditation und Achtsamkeit aktuell auch so gefragt – das ist quasi der Resettknopf für genau diesen Zustand. Den Zustand, dass man bei nichts so wirklich dabei ist.

Und da ist eben noch die Vereinbarkeit. Sprechen wir doch mal vom Hobbysportler. Womit muss denn hier normalerweise vereinbart werden? Partner, Kind, restliche Familie, Haus, Garten, andere Hobbys, Arbeit, Erholung, Schlaf, Gesundheit.

Ganz schöner Batzen. Manche Dinge haben die sog. Zielkongruenz – also man erreicht sie quasi gleichzeitig. Manche Ziele differieren aber. Je mehr Variablen um so mehr Differenzen sind möglich. Selbst wenn man es nicht kurz- sondern langfristig betrachtet, es gibt stets Konfliktpotential. Konflikt mit sich selbst, Konflikt mit der Familie, Konflikt mit Kollegen oder Chef.

Am wengisten Konflikte hat man, wenn man gar keinen Ausdauersport macht. Am besten etwas Krafttraining früh Morgens nach dem Aufstehen und gut. 4h laufen gehen … stört im normalen Alltagsleben, 100km Rennrad passt in keinem Familienkalender. Ein Trainingsplan mit festen Be- und Entlastungsphasen passt nicht zur Beziehung.

Aber wir sind eben so bekloppt und der Meinung es doch jedes mal wieder hinzubekommen. Jedes mal von vorne, jede Saison, jeden Trainingszyklus fragen wir uns, wie es wohl diesmal klappen wird. Wir pokern mit Dienstreisen und Homeoffice-Tagen die wir noch gar nicht kennen und hoffen, dass sie in unser Training passen. Wir stricken den Plan um und setzen 2 harte Einheiten hintereinander, damit wir beim Meeting mit den Kollegen Abends Essen gehen können anstatt zu schwitzen. Wir gehen in der Familie vorab Kompromisse ein in der Hoffnung sie später gegen ein Training einlösen zu können. Wir machen das alles auf Kredit – niemand kann uns die Sicherheit geben, dass es so klappt, das es so kommt, dass das Projekt so verläuft wie wir es brauchen, dass die Frau dann ja sagt wenn wir es uns wünschen. So ist das nun mal.

Ich habe leider seit Jahren das Gefühl, dass ich nur in der Lage bin in einem Bereich wirklich gut zu sein. Jedes mal, wenn es im Job gut läuft leidet mein Sport, jedes mal wenn es im Sport gut läuft komme ich im Job nicht weiter. Sicher ist das eine mentale Blockade – ich bin da schon lange dran, kann sie aber nicht wirklich lösen. Aber das Gefühl hat sich über die Jahre verfestigt, auch aktuell habe ich schon wieder das ungute Gefühl, das kaum – das ich den Trainingsplan erfolgreich gestartet habe – der Job entgleist.

Schon kämpft man an zwei Fronten um hier alles im Plan zu halten und dann ist da die Familie, die den Familienvater nach 50h Arbeit gerne am Wochenende für sich buchen möchte, was absolut verständlich ist. Aber man ist eben auch Ausdauersportler um abzuschalten um mal etwas anderes zu machen … das geht nicht zusammen. Unter der Woche trainieren und am Wochenende für alles zur Verfügung stehen, den Garten machen, und alle Termine Wahrnehmen … das geht genau so wenig.

Volle Leistung im Job, volle Leistung im Trainingsplan, „volle Leistung“ als Familienvater … vergiss es. Aber wie wir das nicht selbst verstehen, versteht das Umfeld das auch nicht, denn wir halten diese Chimäre hoch. Wir verkaufen uns ständig, dass es geht, das es klappt, das wir das alles unter einen Hut bekommen. Es gibt die richtigen Zeitpunkte aber nicht, weil wir eben – wie oben geschrieben – so häufig in der Hoffnung in den Tag hinein leben.

Laufen am frühen Morgen – verzögert das Familienfrühstück
Laufen Mittags – passt nicht, da ist eine Telko
Laufen Nachmittags – jetzt bin ich je gerade Heim gekommen, das versteht die Familie nicht wenn ich jetzt losgehe
Laufen am Abend – jetzt gibts Abendessen
Laufen am späten Abend – das ist Partnerzeit
Laufen unter der Woche – nach einem harten Arbeitstag ist man manchmal kaputt
Laufen beim Homeoffice – kostet 2h die man dann doch wieder nacharbeitet
Laufen am Wochenende früh – geht grad so, aber danach bist du so kaputt, dass ein Tag Gartenarbeit dich fast killt
Laufen am Wochenende Vormittags – hier und da ein Termin
Laufen am Wochenende Nachmittags – Familienzeit
usw.

Je mehr man sich bemüht in bestimmten Bereichen „gut“ und präsent zu sein um so mehr unterliegt man Grenzen und Beschränkungen. Wer mein Blog kennt, kennt diese Posts, sie häufen sich, sie wiederholen sich … immer wieder die gleiche Logik. Ich starte voller Elan in einen Plan und nach ein paar Wochen stoße ich an alle diese Grenzen – Grenzen die ich mir selbst setze. Grenzen die meinen Erfolg beeinflussen (in allen 3 Lebensbereichen) und die mich unzufrieden machen.

Ich bin gewillt, es diesmal anzugehen … diesmal nicht aufzugeben … mich diesmal nicht zu zermürben und Schlussendlich den Trainingsplan zu killen. Aber es ist beinahe so schwer wie ein Ultra.

Da bist du ganz unbeschwert und guter Dinge und plötzlich trifft dich der Mann mit dem Hammer. Aber eben nicht beim Laufen, sondern durch Familienwünsche, Anforderungen, Telkos, Termine, Chef, Kollegen.

Der einzige Schritt, den ich bisher immer ausmachen konnte, war zu akzeptieren, dass es Vereinbarkeit nicht gibt. Der nächste Punkt ist, dass Sturheit nichts bringt, aber ebenso totale Rücksicht. Erfolg (in welchem Bereich auch immer) muss man für sich einfordern, er passiert nicht.

In diesem Sinne … viel Energie und das richtige Händchen für Euch, damit Ihr stets weise wählt und die besten Entscheidungen trefft.

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2 Comments

  1. Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht wo Dein Problem liegt? Das was Du beschreibst trifft auf >90% aller Menschen zu, die neben Job und Familie auch, mehr oder weniger Erfolgreich Sport treiben möchten.

    Alles unter einen Hut zu bringen funktioniert hier nie. Aber genau dazu gibt es Ziele. Ziele im Job, mit der Familie und auch im Sport und genau hier ist der Schlüssel alles in Einklang zu bringen. Möchte ich mich auf einen großen Wettkampf vorbereiten bespreche ich das zuerst mit der Familie und anschließend mit dem Arbeitgeber, Stimmen beide zu kann ich dieses Ziel realisieren, wohlwissend das beide Seiten einen Ausgleich verlangen, auch wenn dies in der Regel niemals offen ausgesprochen wird. Auf der anderen Seiten wünsche ich mir aber von beiden Parteien zum erreichen meines Zieles die Unterstützung die es eben braucht.

    Letztendlich ist so alles möglich, das einzige was niemals Du niemals erreichen wirst ist „Erfolg“ auf der ganzen Linie der drei Dimensionen. Das ist, wie Du selbst schon beschreiben hast, nahezu unmöglich…

    • Ich bin der Meinung, dass wenn ich 50h im Job arbeiten muss hier schon etwas falsch läuft. So grundsätzlich. Wer einen Arbeitsvertrag mit 40 Stunden eingeht (ist ja dann doch die Regel) und dann regelmäßig 10 Stunden mehr machen muss damit er seine Arbeit schafft, ist entweder furchtbar ineffektiv oder bekommt einfach zu viel Arbeit aufgedrückt.
      Ich kenne solche Wochen selber ganz gut, da sitze ich meine 40 Stunden beim Kunden und es kommen dann jeweils noch die Anfahrtszeiten dazu und schwupps bin ich bei über 50 Wochenstunden. Das kann auf Dauer nicht richtig (und auch nicht gut) sein. In diese > 50 Wochenstunden sind dann auch noch keine Orgazeiten für mich als Teamleiter inkludiert, keine abendliche Umplanung des Personals weil mal wieder einer krank geworden ist und bei irgendeinem Kunden vertreten werden muss und auch keine sonstigen Dinge die halt zum Führen eines Teams dazu gehören. Und mal ganz ehrlich, wer schreibt sich denn die halbe Stunde abends auf wenn er versucht eine Lösung für ein Problem an nächsten Morgen zu finden? Ich jedenfalls nicht und auch keiner der anderen Teamleiter. Das erkauft sich der Arbeitgeber dann meistens mit gewissen Privilegien die er den Mitarbeitern zu gesteht. Naja oder wir erkaufen uns diese Privilegien durch unbezahlte Mehrarbeit.

      Ich hadere da schon eine Weile mit und würde, so gern ich den Job in dieser Firma mache, liebend gerne meine Arbeitszeit verkürzen. Vereinbarkeit bedeutet für mich in der Praxis lediglich die Möglichkeit möglichst alles in der Woche unter zu bringen, aber einfach ist es definitiv nicht und ich verzichte für meinen Sport auf viele Abende mit Freunden weil ich sonst einfach entweder zu wenig Schlaf bekomme oder mein Training leidet.

      Vereinbarkeit gibt es so nicht oder eben nur mir harter Prioritätensetzung im Alltag. Aber wie Alex schon schrieb, damit hat wohl jeder zu kämpfen dessen Hobby nicht daraus besteht abends faul auf der Couch zu sitzen.

      Gruß
      Sascha

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