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Houston, wir haben ein Trailproblem!

Da bereitet man sich vor, kümmert sich um die Saisonplanung, trainiert und letztlich ist der Raceday da. Man testet sein Trainingskonzept, den Saisonaufbau und die Form. Man nimmt Eindrücke mit, lernt neues oder fühlt sich bestätigt. Und hinterher? Hinterher geht man weiter, zielt auf einen neuen Wettkampf und der Spaß beginnt wieder von vorne. Bisher!

Nach dem Zugspitz Ultratrail 20. Juni 2015 machte plötzlich ein Satz die Runde, der etwas ganz neues in Spiel bringt:

„Nach dem ZUT ist alles anders!“

Huch? Was soll denn plötzlich anders werden? Was erst ein witzig daher gesagter Satz war, der vor allem darauf abzielt, dass eine Menge an Zugspitz-Ultralemmingen plötzlich für 2016 einen Lauf über die Supertrail-Distanz plant, schleicht sich nach und nach bei mir in den Kopf, nistet sich ein und richtet Unheil an.

Ziele: Heilsbringer & Verderben in einem

triumkleinÜber die Funktionen und den Sinn von Zielen, möchte ich mich nicht auslassen. Darüber philosophieren tagtäglich hunderte (vielleicht sogar tausende), schreiben Skripte, halten Präsentationen, moderieren Workshops, nehmen an Team-Events teil, lernen Zielfunktionen für das Studium.

Bisher kannte ich es so: ich suche mir ein Ziel aus, trainiere drauf hin – es klappt nicht, Motivation sinkt kurz aber mit neuer Energie nehme ich das Ziel wieder an. Im Optimalfall folgt darauf: ich suche mir ein neues Ziel, trainiere drauf hin und freue mich über die Zielerreichung.

Diesmal ist es anders. Ich habe mir drei große Ziele ausgesucht, genauso wie letztes Jahr. 2014 fuhr ich meinen ersten langen Radmarathon (= Radziel), lief meinen ersten Trailwettkampf (= Maintal Trail) und kam in Dresden beim HM unter die 99 Minuten (= Straßenlaufziel).

Dieses Triumvirat an drei ziemlich unterschiedlichen Zielen wollte ich auch auf dieses Jahr übertragen. Mal davon abgesehen, dass ich bei jedem der Ziele mächtig was draufgepackt habe, grundsätzlich aber Dinge die irgendwie passen, die auf verschiedenen Ebenen motivieren.

Dachte ich!

Von der Verlockung sich von Zielen ablenken zu lassen

Nun könnte man sagen, dass ich nach zwei so großen Dingern wie der MSR300 und dem ersten alpinen Trail mit den vielen Höhenmetern, die Luft raus ist. Typischer Nach-irgendwas-Blues.

Marathonläufer berichten davon ebenso wie Langdistanz-Triathlethen. Nach großen Zielen mit viel Anstrengung sinkt die Motivation. Ist auch verständlich, immerhin hat man im Regelfall eine Menge an Zeit und Mühe investiert und war Wochen- oder Monatelang auf den einen Moment fixiert. Wenn er dann da ist … Luft raus… Ende. Genau der Zeitpunkt um sich mental zu sammeln, langsamer zu machen und neue Pläne zu schmieden.

Nun stehe ich in der Saisonmitte, habe zwei von drei großen Zielen für mich absolut zufriedenstellend erreicht und habe den Berlin Marathon als letztes großes Ziel dieses Jahr im Blick. Nichts davon sollte mich schocken, immerhin habe ich 300km am Rad abgerissen und habe beim Basetrail XL meine Muskeln aufheulen lassen. Ich habe so viel trainiert wie noch nie, war im Mai so schnell wie noch nie, laufe aktuell so weit wie noch nie…

Aber … im Kopf habe ich eine Blockade! Ich hab keinen Nach-Ziel-Blues sondern ich habe Nach-Ziel-Mätzchen. Ich bin nicht fokussiert, weil mich die Trailerei einfach so ablenkt.

Die ersten Einheiten nach dem ZUT lief ich recht planlos einfach drauf los – und jedes mal landete ich irgendwo im Wald oder an einem Hügel. Ich trippelte weiter über Singletrails und überholte beim (eigentlich als GA1-Lauf geplanten Läufchen) bergauf Mountainbiker (ups!).

Houston, wir haben ein Trailproblem!

Nun steht in meinem Trainingsplan aktuell weder Singletrailtrippeln noch MTB-Fahrer jagen, sondern zunehmend lange Läufe. Extensive Dauerläufe und auch die langen Knochen wie 35km. In nicht mehr ganz 2 Wochen beginnt dann der Feinschliff für den Berlin Marathon … und mir graut davor!

Wie konnte das passieren? Was habe ich mich im Winter, wo es dunkel und kalt war, auf den Berlin Marathon gefreut.

Als ich 18km im Dunkeln in 4:46er Pace lief und dachte es geht nicht mehr … stellte ich mir den Moment vor in dem ich durch das Brandenburger Tor laufe und auf das Ziel zu … ich stellte mir dieses Jahr schon so oft vor, wie es sich anfühlt nach den Strapazen einzulaufen.

Ich quälte mich bei meinem ersten 30er nicht aus Spaß, sondern in Gedanken an den ersten Marathon. Vor allem als mir so kalt war, dass ich meine Hände nicht mehr bewegen konnte … oder als ich im eisigen Gegenwind rückwärts lief … weil ich kaum atmen konnte. Ich sagte mir, dass mich das hart macht.

Hart gemacht hat es mich, aber nicht hart genug um den Verlockungen der Trail-Welt zu widerstehen. Anstatt mich auf den Zieleinlauf in Berlin zu fokussieren spukt mir der Supertrail 2016 im Kopf herum.

Wenn mir irgendwo ein Trail-Video oder die Infos zu einem Wettkampf vor den Mauszeiger kommt, ist es um mich geschehen. Die Gedanken driften ab, weit weg von langen Läufen mit Endbeschleunigung, von Langintervallen, von flachen Läufen und von exakten Pacevorgaben.

Ich habe ein Trailproblem … ich habe ein mentales Problem … ich bin gewillt mich auf noch mehr Trail-Irrsinn einzulassen und verliere das dritte Ziel meiner Saison aus den Augen.

Houston … was tun?

 

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12 Comments

  1. Ist doch ganz einfach, lauf einfach 35 km Trail. Danach kommt dir der Marathon wie ein Spaziergang vor.
    Nein, aber im Ernst, es schadet ja nix, ein paar Läufe im Gelände zu absolvieren. Im Gegenteil. Bergläufe machen schnell. Und auch 35km lassen sich ganz gut im Wald laufen und taugen als langer Lauf wenn nicht gerade 1000 Höhenmeter dabei sind. An deiner Grundlage sollte es nicht scheitern. Noch ein bisschen am Grundspeed arbeiten mit Intervallen, Tempodauerläufen oder ein paar Bergsprints. Und bei den langen Läufen kannst ja abwechseln. Eine Woche Trail, eine Woche Straße. Dann geht da nix schief auf deinem Weg nach Berlin. Dann hakst den Marathon ab und kannst dich aufs richtige laufen konzentrieren.

    • Ja, du hast ja so recht. Gerade meine Ausdauer bereitet mir keine Sorgen – eher der Rest … bisher hab ich ja drauf vertraut, dass es mit Greif läuft.
      Wobei ich dieses Jahr – mal ganz ehrlich – vielleicht 30% rein nach Greif trainiert habe, der Rest war Variation.

      Ich muss mal in mich gehen – eines scheint aber klar. Im Bereich laufen zwei Top-Ziele gehen aktuell nicht … nicht läuferisch, sondern rein im Kopf.

  2. Du kannst Dir jetzt das Geld für Greif sparen und das in Trailklamotten investieren :).

    Ich wechsle mittlerweile auch gerne das Terrain oder lege mir die Strecke so, dass ich 50/50 laufen kann. So kommt noch mehr Abwechslung in den Lauf und man hat mal etwas anderes als immer nur Asphalt unter den Füßen. Das tut Körper und Geist gut. Allerdings finde ich GA1 Läufe mit vielen HM noch schwierig. Da fehlt mir die Disziplin entsprechend langsam zu laufen.

    • Die Disziplin entwickelt man im speziellen Training und im WK. Man kann nicht alles hochlaufen was steil ist. Gerade im WK sieht man das häufig an stärkeren Anstiegen, der Zeitverlust vom laufen zum gehen ist in unserem Leistungsbereich gering. Dafür schießt man sich nicht so schnell ab.

      Zumal ja rein GA1 auf einer trailigen Strecke gar nicht geht – nur bin ich auch HF-Zonen sowieso nicht so scharf.

  3. Houston an Daniel…was für ein Problem? Tue was dich glücklich macht! 2016 Supertrail, 2017 Supertrail XL und 2018 Ultratrail mit dem #Wingmops ;-)

    In diesem Sinne…Akropolis adieu…

  4. … Ziele sind doch dafür da, dass man sie über den Haufen wirft? Der Spaß steht doch schließlich immer an oberster Stufe. Also hopp! (Auch wenn ich Trails nicht übermäßig mag, aber ein paar Ultras erscheinen mir aktuell auch verlockender als Bestzeit-Gekloppe auf der Bahn)

    • Der Spaß steht natürlich am Ende an der ersten Stelle, aber manchmal kommt man nicht ums „arbeiten“ drum herum. Aktuell bin ich ja eher abgelenkt, aber ich glaube ich weiß schon wie ich mein Unterbewusstsein austrickse.
      Ich suche noch einen moderaten Trail im Herbst :-)

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