Zwift - World of Beinkraft

World of Beinkraft … oder, warum Zwift süchtig macht

Zwift, klingt ein bisschen wie die Mischung aus Schreibgerät und Apfelschorle, aber es ist etwas ganz anderes. Es ist eher ein Gegenmittel gegen eine der tödlichsten Bedrohungen für Rennradfahrer im Winterhalbjahr. Wer kennt sie nicht? Die langeweileinduzierte letale Rollentrainereinheit kurz LLR. Nicht selten hört man von Rennradfahrern, die nach 50 bis 120 Minuten LLR plötzlich vom Rad fallen … aus die Maus … Ende im Gelände … das wars! Das muss nicht sein, die Lösung neben Auswandern, milden Wintertemperaturen, Fatbikes oder MTB fahren heißt Zwift.

Aber was ist dieses Zwift eigentlich genau?

Man nehme eine Prise World of Warcraft, mixe das ganze mit Radfahr-Videos und hebe eine gute Portion Gamification unter das Rollentraining.

In anderen Worten bewegt man per Rollentrainer seinen virtuellen Radfahr-Avatar über vorgegebene Strecken. Durch Kopplung des Rollentrainers bzw. von ANT+ Sensoren ermittelt Zwift entweder einen virtuellen Watt Wert oder zeigt – wenn ein Wattmesser vorhanden ist – die Werte korrekt an und wandelt das in realistische Geschwindigkeiten um. Nennt man einen sog. Smart-Trainer sein eigen, wird auch versucht Steigungen und Abfahrten realistischer zu gestalten.

Neben Abwechslung beim Rollentraining bietet das System für Menschen ohne Wattmessung auch die Möglichkeit einfacher in bestimmten Bereichen zu trainieren. Auch wenn die virtuellen Watt-Werte (dazu später mehr) doch kräftig abweichen können, bewegt man sich im gleichen Messsystem. Wer beispielsweise nur auf Zwift sein FTP bestimmt und danach trainiert, kann die Vorteile des leistungsorientierten Trainings nutzen ohne besonders teure Wattmeter zu kaufen.

Zudem lockt Zwift mit Strava-KOMs, mit Gruppenausfahrten, mit Challenges, mit Erfahrungspunkten um Ausrüstungsgegenstände zu erhalten und und und.

In trockenen Fakten handelt es sich bei Zwift um ein Projekt, welches vor gut 1,5 Jahren gestartet ist und während der Zeit in der Beta-Phase schon ausgiebig getestet werden konnte. Ich selbst bin auch schon seit gut 1 Jahr angemeldet, in dieser Zeit hat sich einiges getan.

Seit Kurzem ist Zwift ein Bezahldienst, als Neu-User darf man immerhin 50km über die virtuelle Strecke auf Watopia fahren. Wer Premium Benutzer bei Strava ist bekommt immerhin die Möglichkeit 2 Monate lang über die digitalen Strecken zu brausen. Ansonsten kostet der Spaß inzwischen 10,00 EUR im Monat.

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Impressionen von der „Rennstrecke“

Was braucht man um Zwift nutzen zu können?

Rollentrainer, Tacx, Elite, Roller, Trainer, ANT+, ZwiftNeben einem Fahrrad und einem Computer (sowohl Mac als auch PC) benötigt man einen Rollentrainer. Glücklicherweise nicht einen speziellen, denn Zwift unterstützt eine große Bandbreite an Geräten. Welche genau kann man hier checken.

Generell gibt es drei Möglichkeiten Zwift zu nutzen.

  • Mit einem „dummen“ Trainer – dessen Wiederstandskurve bei Zwift bekannt ist. In diesem Fall benötigt man einen Geschwindigkeitssensor für das Hinterrad und optional einen Trittfrequenzsensor.
  • Hat man einen Smart Trainer, der unterstützt wird, kann man sich diese Sensoren sparen. Der Trainer selbst liefert erst mal alles was man braucht. Optional ist hier auch der TF-Sensor möglich.
  • Die dritte Möglichkeit ist ein bereits vorhandenes Leistungsmessgerät zu nutzen, in diesem Fall ist es absolut gleich welchen Rollentrainer man hat, oder ob man sogar auf der freien Rolle fährt.

Allen drei Möglichkeiten ist gleich, dass man dafür einen ANT+ Stick benötigt, wie man ihn zwischen 20 und 50 EUR im Onlinehandel kaufen kann. Ich selbst nutze einen NoName-Stick, was sicher auch der Grund ist, warum mein Smart Trainer Verbindungsprobleme hat, die sich nur durch ein 3m USB-Kabel beheben ließen um den Stick näher ran zu bringen. Ob ein Marken-Stick hier mehr Vorteile bietet kann ich nicht sagen. Wer nur Daten empfängt, ist auch mit dem günstigen Stück gut beraten, wenn der Stick den Trainer steuern soll, dann braucht man entweder einen besseren Stick oder ein USB-Verlängerungskabel.

Ansonsten ist natürlich erlaubt was gefällt, wer genau das obige Bild ansieht wird feststellen, dass ich auch noch den Garmin Pulsgurt meiner fenix3 verbunden habe.

Ein Erklärvideo wie man das alles verbindet haben die Zwifter bereits selbst bei Youtube hochgeladen. Wer schon eine Menge Zubehör Zuhause hat findet auf der Zwift Seite selbst auch die Möglichkeit zu prüfen, was einem ggf. für den Start noch fehlt.

Was kann man mit Zwift alles machen?

Einerseits kann man ganz klassisch schwitzen, was man eben so Indoor tut. In diesem Fall aber mit dem „Vorteil“, dass man am Ende eine .FIT Datei erhält die man weiterverarbeiten kann. Verbindet man seine Konten, wird die Fahrt (die keine ist) auch direkt nach Strava geladen und sieht sogar eine echte GPS-Karte der virtuellen Welt, die irgendwo in der Südsee zu finden ist.

Läd man übrigens das .FIT bei Garmin hoch, sollte man dran denken, die Zeitzone dort zu ändern, ansonsten trainiert man dank mykronesischer Zeitzone auch mal einen Tag im voraus.

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Watopia
Bildquelle: Zwift

Das Eiland, auf dem man „radelt“, nennt sich Watopia und bietet inzwischen mehrere Routenvarianten. Einmal eine relativ flache Version und eine bergige. Das kann zum einen vorab gewählt werden, andererseits kann man mit einem Tastendruck „abbiegen“ oder Zwift auch den Befehl geben immer der aktuellen Gruppe nachzufahren.

Daneben wird auch noch die Strecke der UCI 2015 Road World Championships aus Richmond zur Verfügung gestellt. Auch diese Strecke wurde inzwischen durch Abzweigungen erweitert. So kann man davon ausgehen, dass die Spielwelt in Zwift nach und nach immer größer wird.

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auf PR/KOM-Jagd

Wer nur etwas Unterhaltung sucht, fährt nach belieben die Strecken ab, jagt KOMs in Echtzeit oder nimmt an einer der inzwischen zahlreichen Gruppenausfahrten teil.

Für jeden virtuellen Kilometer gibt es 20 Erfahrungspunkte die dazu dienen den Level zu erhöhen. Letztlich schaltet man damit das ein oder andere Zubehörteil frei um seinen Avatar gut auszustatten.

Wer nicht ganz so lange strampeln möchte, oder dem die Standard-Jerseys etwas zu langweilig sind findet hier ein paar Unlock-Codes für spezielle Jerseys.

Wer Strava etwas strukturierter angehen möchte, kann seit einiger Zeit definierte Workouts fahren. Diese stehen in unterschiedlichen Trainingsplänen zur Verfügung und orientieren sich an der ermittelten/eingetragenen FTP. Dabei bewegt man sich auf den bekannten Strecken, aber eben mit Vorgabe. Das schöne daran ist, dass man auch eigene Workouts erstellen und sogar an andere Benutzer weitergeben kann.

Mobile Link, iPhone, Smartphone, Telefon, DatenDabei kann man auch stets das Smartphone als virtuellen Radcomputer verwenden, auf dem die aktuellen Daten ebenso angezeigt werden, wie die Möglichkeit zu Grüßen, jemanden einen Ellenbogenstoß zu versetzen oder doofe Sprüche abzugeben (wie im echten Leben eben).

Zusätzlich gibt es bei kompletten Runden oder nach Segmenten auch den ein oder anderen Bonus, den man über die App einsetzen kann. Auf dem Bild sieht man z.B. den „Draft Boost“ – sprich ein paar Sekunden darf sich der virtuelle Radfahrer über virtuellen Windschatten freuen.

Nebenbei kann man noch die Sicht wechseln, Screenshots machen (also so wie die, die man hier sieht) und mit anderen Chatten.

Diese App funktioniert auch ohne laufendem Strava, wenn man bspw. einem anderen Stravaisten folgt bekommt man eine Push-Nachricht, wenn dieser gerade trainiert. Zudem kann man sich seit dem heutigen Update auch endlich finden, ohne dabei live unterwegs sein zu müssen. Und zum guten Schluss – sowas wie den Like-Button gibt es auch hier, das nennt sich dann „Ride on“.

Und für wen ist das ganze?

Vielleicht erst mal anders herum. Für wen ist es nicht? Für Nostalgiker, PC-Verweigerer, harte „Radfahren nur draußen“ Typen, Genussradfahrer und alle die keinen Rollentrainer oder das entsprechende Equipment haben.

Für alle die Angst haben an LLR zu verenden ist Zwift eine von vielen neuen Möglichkeiten. Die anderen heißen Sufferfest, TrainerRoad oder BKOOL. Auch die Rollentrainer-Anbieter haben neben virtuellen Welten abfahrbare Videos, die die Rollentrainer Einheit verkürzen.

Zwift, GoZwift, Rideon

Zwift hat dabei einen Vorteil, es bietet das größte Gruppengefühl. Es ist wie Facebook, dort ist irgendwie „jeder“ (gefühlt) – dort sind immer viele Menschen unterwegs und man interagiert mit anderen Menschen. Es gibt noch nicht die Streckenvielfalt und eigene Strecken abfahren geht auch nicht. Dafür gibt es eine wachsende Community.

Es bietet etwas Abwechslung – wer bisher an die Wand gestarrt hat, wird sich freuen. Ob Zwift einen Serienabend auf dem Rollentrainer ersetzt würde ich Geschmackssache nennen. Es fühlt sich eher an wie Fahrradfahren. Auf der Rolle sitzen, schwitzen und House of Cards gucken (hab ich letzten Winter gemacht) geht auch i.O. dabei gibt es weniger Radgefühl.

Warum das ganze süchtig macht? Süchtig ist übertrieben, aber es gibt Gameification Momente. Man kann inzwischen wenden und den Anstieg immer wieder hochfahren. Die persönlichen Rekorde werden nur für 30 Tage ausgewiesen und Trikots kann man pro Session erobern. Letztlich zieht es einen nie so tief in die Spielwelt, wie ein richtiges Spiel, denn die persönliche Fitness ist der Begrenzer, aber nachdem es Leute gibt, die auf Zwift 100km oder sogar 100 Meilen fahren muss es irgendwie aushaltbar sein.

Auch wenn die Grafik nicht realistisch ist, das User Interface sicher noch einiges an Verbesserung braucht und jetzt erst nach und nach Features nachgeliefert werden, ich logge mich doch regelmässig ein, drehe ein paar Runden, biege hier und da mal ab und sprinte an den Segmenten auch mal aus Spaß. Manchmal hänge ich im Windschatten und manchmal fahre ich in der Gruppe mit. Ganz klar eine Spielerei, aber sie verbindet die Möglichkeit Training das (aus welchen Gründen auch immer) nicht draussen stattfindet, etwas interessanter zu gestalten.

Sollte mich übrigens jemand auf Zwift suchen (es gibt eine kostenlose Testmöglichkeit)? Man findet mich dort unter dem Namen „E. N’durange“. Ich freue mich vielleicht mit dem einen oder anderen ein virtuelles Ründchen drehen zu dürfen.

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11 Comments

  1. Interessant dass Indoortraining auf dem Rad im Gegensatz zum Laufband so ein Markt ist. Die wenigsten Läufer gehen doch freiwillig aufs Laufband, mich eingeschlossen während immer mehr Radfahrer auf die Rolle gehen. Mich ebenfalls eingeschlossen ☺
    Ok, mag eventuell auch Preis und dem höheren Platzbedarf eines Laufbands liegen.

    Kann man das Zwift eigentlich monatlich kündigen?

    • So hab‘ ich das ehrlich gesagt noch gar nicht betrachtet. Klar oute ich mich als Winter-Mimi – immerhin gibt es genug Leute die fahren mit dem (Renn-)Rad über den Winter mehrere tausend KM, aber für mich gehörte die Rolle direkt dazu.
      Indoor Cycling ist einfach etwas mehr akzeptiert. Innen Laufen eher nicht. Ob sich wohl Leute lieber vor ein RunningZwift auf ein Laufband stellen würden und das Laufband passt den Widerstand an die virtuelle Welt an???

      Wie bei all diesen Internetdiensten kannst Du Zwift auch monatlich kündigen. Als Strava-Premium-Nutzer bekommt man übrigens 2 Monate kostenlos.

      • Ich hatte letztens mal so ein Video von einem 360° Rundum Blick Laufband gesehen, mit passender Audiountermalung und Gegenwind bestimmt eine tolle Sache. Es gibt ja auch Länder in denen man im Sommer bei 40° oder im Winter bei -35° nur schlecht laufen gehen kann, da wäre das bestimmt eine Alternative.
        Allerdings würde sich dass dann wieder keine leisten können und ob ich dann lieber mit einer VR Brille 30 km Longjog machen wollte weiß ich nicht. Aber da wird sich denke ich noch einiges tun in den nächsten Jahren, grade mit dem VR Kram.

        • OK, letztlich gibt es ja nichts, was es nicht gibt. Ich habe sogar von jemand gelesen, der seinen Waterrower so umgebaut hat, dass die Watt dafür sorgen um in Zwift zu „fahren“.
          Machen kann man eigentlich alles und es gibt ja auch einen Markt dafür. Lieber Indoor als gar nicht, aber trotzdem bin ich lieber draussen unterwegs :-)

  2. Pingback: #Lieblingsblogs Empfehlungen von euch für euch – Coffee & Chainrings

  3. Eine Frage zu Deinem umfangreichen und sehr detaillierten Bericht. Ich habe genau das von Dir geschilderte Problem mit den Zeitzonen. Wo kann ich das einstellen? Bei Zwift oder bei Garmin Connect? Vielen Dank!

    • Hi Martin,
      ich habe das ganze dann in GarminConnect geändert, in dem ich dort die Aktivität bearbeitet habe. Witzigerweise ist bei Strava alles in Ordnung, wenn die Aktivität von Garmin weiter an Strava synchronisiert wird.
      VG
      Daniel

      • Vielen Dank!

        Vielleicht noch eine Frage: Wenn ich an einem Event teilnehme, bin nur ich am Start, ob wohl sich vorher viele Radfahrer angemeldet haben. Das war bisher immer so, wenn ich diese Funktion getestet habe. Woran liegt das? Gibt es evtl. eine „privat“ Einstellung, die das verbietet?

        • Hi Martin, da habe ich leider noch keine Erfahrung – über den Sommer war mein Account verwaist und bisher habe ich die Events noch kein einziges mal ausprobiert. Wenn ich was herausfinde ergänze ich das hier aber gerne.
          VG
          Daniel

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