Schwein gehabt

Schwein gehabt – oder warum ich meinen Sport genieße

Manchmal schreibe ich andere Blogbeiträge, welche die nur indirekt mit meinem Sport zu tun haben, aber irgendwie schon. Dies ist einer davon.

Betrachte ich so meine Wettkampfplanung im Herbst letzten Jahres oder auch für diese Saison, steckt da eine Menge Herzblut drin. Ich bin froh, dass meine Familie das mitmacht. Hier eine Anmeldung, dort ein Tagestrip, da ein kurzer Urlaub. Es freut mich, dass es nicht nur mir Spaß macht, sondern die Familie auch teilhaben kann – auch wenn ein bestimmter Teil des Familienlebens von den bekloppten Ideen des Ausdauersportlers beeinflusst wird.

Es gab eine Zeit, da hätte ich eine Liste an Dingen gemacht und gesagt: das kann ich ja später machen. Klar, kann man viele Dinge später machen. Mal rein sportlich betrachtet ist das durchaus sinnvoll manches später als früher und damit besser vorbereitet zu machen. Aber es geht mir nicht mal um sportliche Höchstleistungen, sondern um den Spaß an der Sache. Wäre ich dieses Jahr nicht beim ZUT gelaufen, ich hätte eine große Portion Freude einfach ausgeschlagen.

Nun bin ich kein Egomane, der den persönlichen Spaß über alles stellt – aber es gibt Dinge im Leben, die ändern die eigene Einstellung. Extreme sind ein großes Problem, so gibt es Menschen die alles immer später planen und nichts umsetzen genau so wie die Leute die hedonistisch nur im hier und jetzt leben und vergessen, was noch kommen mag.

Aber, als Mensch unterliegt man der Gefahr, dass die Zukunft vielleicht anders aussieht als man sich denkt. Das berühmte John Lennon Zitat geistert nicht umsonst durch die Welt – Das Leben ist das, was passiert, während Du dabei bist Pläne zu machen. Das Leben kann sich sehr schnell ändern und nicht umgesetzte Pläne oder Ziele sind plötzlich zerstörte Träume.

Die Sportwelt blickt gerade auf auf Kira Grünberg – zugegeben ein Profi, der sich wissentlich in eine gefährliche Lage gebracht hat. Aber als normaler Mensch oder normaler Ausdauersportler ist man keineswegs „sicher“. Es sterben immer wieder Menschen bei Sportveranstaltungen – das tun sie auch wo anders, aber diese Unglücksfälle rücken uns die Vergänglichkeit vielleicht etwas mehr in den Fokus.

Warum ich das schreibe? Weil mich manchmal Dinge umtreiben. Vor einem Jahr lief ich Abends eine kurze Runde und wurde von einem Gewitter überrascht. Auf einer Anhöhe, kein Unterstand. Keine Chance irgendwo hin zu kommen, also Kehrtwende und Tempo was ging. Die Chance vom Blitz getroffen zu werden liegt etwa bei 1:20 Millionen – echt gering, zudem passieren solche Dinge immer anderen Leuten.

Dachte ich bis zu dem Moment, an dem ca. 100m von mir entfernt ein Blitz in einen Hochspannungsmast einschlug. Was man in dem Moment denkt? „Scheisse!“

Dazu passend eine ganz frische Erfahrung, die ich gestern beim Tempolauf machen durfte. Ich schleppe mich 2,5km vor dem Ende mit höchster Anstrengung eine Straße entlang. Am Ende eine scharfe Kurve. Rechts von mir Straße, links ein Graben und ein Flußufer.

Gerade beim Tempodauerlauf denkt man selten. Kurz vor der Kurve kommt ein Van um die Ecke, schleudert auf der regennassen Fahrbahn, wie vom Blitz getroffen (haha) bleibe ich stehen und der Herr in dem Fahrzeug schleudert vielleicht 10 Meter vor mir über den Gehweg in den Graben, rumpelt das Flußufer runter. Das Ersatzrad fliegt davon … und er fährt in der Wiese einfach weiter – auf die Straße und verschwindet.

Zurück bleibt ein perplexer Läufer, der erst nach ein paar Minuten versteht, was da passiert ist.

Kleine Situationen im Leben, an denen man froh ist, dass alles entspannt verlaufen ist. So wie es eben im Leben sehr häufig der Fall ist. Aber auch ein Knoten im Taschentuch, sich nicht immer auf Morgen zu verlassen. Nicht nur solche skurrilen Fälle können Pläne und Träume zunichte machen, manchmal sind es ganz kleine Dinge.

In diesem Zusammenhang habe ich vor kurzem einen Bayern2-Talk mit einer ALS-Patientin gehört – als aktiver Ausdauersportler gefriert einem das Blut in den Adern. Vielleicht nehmt ihr euch die Zeit, was die Dame schildert hinterlässt einige Fragezeichen im eigenen Leben.

Ein bisschen mehr Dankbarkeit für das Schwein, das wir alle haben… die keine Querschnittslähmung haben, die nicht vom Blitz getroffen oder vom Auto angefahren werden … die keine unheilbare Krankheit haben … kann nicht schaden.

Deswegen mag ich auch meinen Sport, er macht mich zufrieden und bietet mir und meiner Familie die Möglichkeit kleine Träume in sinnvollen Dosen zu realisieren, mal etwas aussergewöhnliches zu erleben, aber auch hin und wieder neue kleinere Dosen an Träumen aufzubauen. Schön, das ich ihn so ausüben kann wie ich es jetzt tue.

Also Leute, auch wenn Ihr vielleicht verletzt oder außer Form seid … seid ein bisschen mehr dankbar für das, was ihr jeden Tag da draußen erleben könnt. Packt euch einen kleinen Koffer an Träumen und Zielen und seht zu, dass der Spaß dabei bleibt.

Posted in Drumherum.

10 Comments

  1. Danke. Ich sehe es genauso … Ich bin dankbar, dass ich wieder auf der Straße bin … Auch mit totalem formverlust :-) ich bin froh dass ich wieder dabei bin 😎

  2. Sehr toller Artikel. Leider ist man nur zu wenig dankbar für all das. Meist wird es einem nur bewusst, wie gut man es hatte, wenn es einem nicht mehr gut geht.

  3. Wahre Worte. Es ist uns meist gar nicht bewusst wie privilegiert wir alle sind dass wir sowohl die finanziellen als auch die infrastrukturellen Möglichkeiten haben um Sport zu betreiben.

  4. Danke für den schönen Artikel! Du sprichst mir aus der Seele. Viel zu oft vergessen wir, dass wir eben nicht unendlich Zeit haben. Ob wir in der uns gegebenen Zeit sporteln, häkeln oder Halma spielen, muss jeder für sich entscheiden. Aber man sollte sich immer bewusst sein, dass unsere Zeit auf diesem wunderbaren Planeten begrenzt ist und es, vielleicht auch ganz plötzlich, irgendwann einmal kein „morgen“ mehr gibt.
    Vielleicht gefällt Dir dieser Artikel aus der SZ, den ich sehr berührend finde: http://www.sueddeutsche.de/leben/leukaemie-ich-habe-mich-verloren-1.2587540

  5. Diese Gedanken führe ich mir häufig vor Augen. Vielleicht oder gerade deshalb bin ich recht gelassen, was „Wettkämpfe“ angeht..ich genieße das erlebte und freue mich auf jede Trainingseinheit, welche ich noch absolvieren darf, in der Hoffnung auf einen weiteren „Genuß-Wettkampf“ mit netten und zufriedenen Menschen.

  6. Das ist ein sehr toller Artikel, der mir gerade einige wenige Minuten verschafft hat. Wir waren alle wohl schon mal in solchen Situationen, die du treffend beschrieben hast. Das bringt mich noch mehr zum Nachdenken.

    Ich werde die wenigen Sporteinheiten der nächsten Wochen noch mehr genießen, versprochen!

    Liebe Grüße,
    Markus

  7. Danke für den Artikel, leider vergisst man viel zu schnell dass jeder Tag an dem es einem gut geht, ein Geschenk ist. Ich bin MS Patient und habe gerade einen erneuten Schub hinter mir, die ersten beiden Ausfahrten mit dem Rennrad waren mehr als ernüchternd. Die mühsam aufgebaute Form ist so gut wie weg. Aber dass ich überhaupt wieder auf dem Rennrad sitzen kann, ist ein toller Erfolg und alles weitere wird auch schon wieder kommen.
    Herzliche Grüße

  8. Toller Artikel, der mich auch zum Nachdenken bringt. Man muss da nicht unbedingt vom schlimmsten Fall ausgehen. Mein Knie schmerzt gerade und auch mein Knöchel. Was ist, wenn das nun noch weitere 60 Jahre so bleibt? Schmerzen kriegt man zwar gut in den Griff, aber schränken auch ein. Vielleicht so, dass man Einschränkungen im Familienleben oder Berufsleben hat.

    Bei all dem #allebekloppt sollte ab und an auch etwas #allevernünftig zum Einsatz kommen.

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