Regen, Gewitter, Wetter, MSR300,

Mecklenburger Seenrunde 2015 – 300km mental am Limit

300 Kilometer – das ist weit! Wie von mir zu Hause nach Stuttgart. Eine Strecke, die ich bei der Reiseplanung normalerweise per Auto in Angriff nehme.

Bei der Mecklenburger Seenrunde fährt man das Ganze im (großen) Kreis und das auch noch mit dem Fahrrad. Obwohl, nein nicht man macht das, ich mache das und ca. 2.500 andere Radsportverrückte.

Am 29./30. Mai 2015 war es so weit, die MSR300 ging in die zweite Runde und ich war dabei. Nun können 300 Kilometer recht lang werden, darum mein ausufernder Bericht dazu.

Wer ein warum hat, dem ist kein wie zu schwer!

Wie bei so vielen Dingen hat auch meine Anmeldung zur Mecklenburger Seenrunde eine Geschichte, die es mir wert ist, sie zu erzählen.

Da ist dieser Läufer, der sich Dezember 2013 ein Rennrad gekauft hat und im Frühjahr 2014 vor seinem Rechner sitzt und recherchiert, an welchen Veranstaltungen man so teilnehmen kann. Nicht nur, dass schon seit Bestellung des Rennrads die Anmeldung für einen Radmarathon im Maileingang dahindümpelt, eine Anmeldung ist nicht genug.

Damals hab ich die erste Ausgabe der Mecklenburger Seenrunde gefunden und war direkt hin und weg. Immerhin war ich dort schon zweimal im Urlaub. Allerdings siegte die Vernunft, das Rennrad stand zu diesem Zeitpunkt ja nur auf dem Rollentrainer.

Ende 2014 – in der Saisonplanung – kam die MSR300 wieder zur Sprache und die beste Ehefrau der Welt hielt mich tatsächlich für nicht bekloppt, als ich ihr davon erzählte. Da war die Sache geritzt, die Anmeldung blitzschnell getippt und das wohl bisher größte sportliche Abenteuer meiner Hobby-Sportler-Karriere angepeilt.

Was ist eigentlich diese Mecklenburger Seenrunde?

Die MSR gilt als RTF oder Radmarathon und ist kein Radrennen, obwohl es sogar eine Transponder-Zeitmessung gibt. Es geht viel mehr um die Herausforderung der Langstrecke.

Auf öffentlichen Straßen fährt man von Neubrandenburg über Neustrelitz, Röbel nach Malchow. Von dort Richtung Mecklenburgische Schweiz, zurück bis man Waren passiert wieder Richtung Startpunkt.

Inoffiziell sieht sich die Mecklenburger Seenrunde als ein deutscher Ableger der weltberühmten Vätternrundan in Schweden, dem größten Hobby-Radfahrer-Event der Welt. Auch dort fährt man 300km um die schwedischen Seen.

Ansonsten soll nicht unerwähnt bleiben, dass es sich nicht nur um ein Abenteuer für den Mitbürger von Welt handelt, sondern auch ein ganz klein wenig exklusiv ist. Nicht weil die MSR300 so schnell ausgebucht ist, sondern vielmehr, weil die Teilnahme einen anständigen Batzen Geld kostet. Zwischen 170 und 200 EUR muss man schon ausgeben.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass man dafür ein ordentliches Leistungspaket erhält. Neben einer 1A beschilderten und gut abgesicherten Strecke gibt es 7 Verpflegungsstationen, an denen es wirklich an nichts mangelt (dazu später noch mehr). Inklusive ist ein individuell bedrucktes Trikot von Biehler sowie einen Starterbeutel in Form eines exklusiven Musette Bag von Auguste86. Die schon erwähnte Transponder-Zeitmessung gehört ebenso dazu. Natürlich geht es günstiger, ich würde den Preis zwar an der oberen Schmerzgrenze ansiedeln, aber im Nachhinein betrachtet, ist er noch o.k.

Zu guter Letzt noch einige Worte zum Konzept. Die Mecklenburger Seenrunde findet an zwei Tagen statt. Am Freitag gibt es ein Starzeitfenster von 20:00 bis 22:00 Uhr, an denen in die Nacht gefahren werden kann. Das zweite Startfenster am Samstag erstreckt sich dann von 4:00 bis 7:00 Uhr. Insgesamt gehen jeweils um die 40-50 Radfahrer auf die Strecke. Das Konzept lockt damit auch einige Tourenfahrer die sich bspw. Nachts eine Pension suchen. Die Strecke bleibt bis Samstag 24:00 Uhr geöffnet, also können die 300km in bis zu 26h absolviert werden.

Und wie kommt man da hin?

Nun fahren nicht nur Norddeutsche 300km durch die Landschaft, zudem ist es fraglich, ob man allein aus der Gegend über 2.000 Radfahrer animieren kann. Deswegen ist auch der Tourismus der Region interessiert an der Veranstaltung. Damit haben wir es genau so gemacht, wie es die Verantwortlichen gerne wollen. Wir sind 8 Tage geblieben und haben gleichzeitig Urlaub gemacht. Bei der Lage rund um Pfingsten auch eine gute Wahl.

SuperSix EVO, Cannondale, Castelli

die „SuSi“ durfte neben mir nächtigen – meine Frau war etwas eifersüchtig ;-)

Wir haben uns in Röbel eingemietet, dem Ort in dem bei Kilometer 128 die Hauptverpflegung liegt.

Bei einer Startzeit von 5:15 Uhr und einer Fahrstrecke von 70km musste eine Lösung für den MSR-Tag her. Deswegen habe ich mich direkt in Neubrandenburg in einem Hotel eingemietet. So hat der Tourismus gleich doppelt an der MSR mit mir verdient.

Die Gegend ist einfach ein schönes Fleckchen. Wer einzig zur MSR anreist verpasst auf jeden Fall etwas – und mal ehrlich – die Taperingphase vor der Mecklenburger Seenrunde kann man so auch gleich im Urlaub verbringen.

Wie trainiert man überhaupt für 300km?

Weil wir gerade bei Tapering sind, bleibt die Frage offen, wie man überhaupt für so eine Radstrecke trainiert? Die einfachste Antwort ist: fahren, fahren und nochmals fahren. Auf der Homepage der Mecklenburger Seenrunde rät man zu mindestens 1.000 Trainingskilometern, in denen auch mehrere Ausfahrten von 100 bis 140km enthalten sind.

Bucht man die MSR erhält man allerdings Zugriff auf einen Trainingsplan, der auf die MSR300 als Jahreshighlight hin fit macht. Über 22 Wochen mit ca. 6h Umfang pro Woche wird man rundum fit gemacht.

Zum Start im Winter beinhaltete der Plan noch einige Laufeinheiten, die ich ignoriert und stattdessen nach meinem Greif-Plan absolviert habe. Generell war mein Minimal-Ziel im Schnitt 3h in der Woche auf dem Rad zu sitzen. Real wurden es ca. 4,5 im Durchschnitt. Ansonsten habe ich bis zum März voll nach dem Greif-Plan trainiert.

Mein gesamter Trainingsload lag in dieser Zeit bei ca. 8-10h pro Woche. Wenn es sich ausging, habe ich das Rad in die Arbeit genommen. So hatte ich viele kleine kombinierte Einheiten (morgens halblocker zur Arbeit, nachmittags mit Schmackes nach Hause und abends noch eine Laufrunde bzw. Intervalle auf dem Rollentrainer).

Insgesamt stecken etwas mehr als 2.500 Rad-Trainingskilometer in den Beinen. Dazu kamen etwa 800 Laufkilometer. Das Ganze natürlich garniert mit dem Wettkampf-Feuerwerk im Mai, dass meine Form weiter zuspitzen sollte. Ob es was gebracht hat? Dazu gleich mehr.

Meine Mecklenburger Seenrunde 2015 – Licht & Schatten auf 300 KM

Wer es bis hierher geschafft hat (oder bis hierher gescrollt hat) soll auch mit meinem Bericht zur Radfahrt belohnt werden. Sicherheitshalber möchte ich noch ankündigen, dass es keinen detaillierten Rennbericht geben wird. Nicht nur, weil ich mich heute schon gar nicht mehr an alles erinnern kann, zum anderen auch, weil ich lieber ein paar kleine Anekdoten am Rand erzählen und viele Bilder zeigen möchte.

1. Akt – das Vorspiel

Harry Hurtig, Hollandrad, Tapering

das Taperinggerät

Mein Tapering sah in der Woche vorher so aus, dass ich mit der Familie fast jeden Tag dieses wunderbare Trainingsgerät ausgefahren habe. Von hurtig allerdings keine Spur – und das war auch gut so.

Montag und Dienstag gab es jeweils noch eine kurze GA1 Einheit bzw. eine mit etwas mehr Druck und danach war sportlich der Ofen aus. Die tägliche Bewegung im Urlaub plus das Hollandrad waren genug.

Freitags packte ich also meine Tasche mit allem, was man vermeintlich für eine 300km Radrunde benötigt und machte mich auf nach Neubrandenburg.

Zuerst holte ich im Kulturpark mein Musette-Bag inklusive Startunterlagen und schlenderte nochmals über die Messe. So richtig konnte mich nichts locken.

Danach ab zum Hotel. Das Rad durfte mit aufs Zimmer (siehe oben) und Frühstück gab es sogar schon ab 4:00 Uhr – der richtige Service für einen kräftigen Batzen Geld.

Im Hotel angekommen habe ich festgestellt, dass ich natürlich etwas vergessen hatte – der Pulsgurt lag noch im Ferienhaus. Allerdings versetzte mich das nicht in großen Schrecken.

Ich versuchte nach dem Einchecken in der Innenstadt neben einem Abendessen noch einen Pulsgurt zu erstehen. Erfolglos – weder Media Markt noch Runners Point konnten helfen. Also noch ein paar Getränke besorgt und dann ab ins Bettchen.

Nun schläft es sich um kurz nach acht relativ schlecht, auch wenn der Wecker auf 3:50 Uhr steht. Um 22:00 Uhr bin ich wohl dann doch eingeschlafen.

Danach lief die übliche Routine ab. Anziehen, Frühstücken (Kaffee plus 2 Nutella-Brötchen), auschecken und ab zum Start. Es dämmerte schon, ein leichter Wind kam auf aber es war mit ca. 12°C angenehm und trocken.

2. Akt – der Start

Gestartet wurde ab 4 Uhr, als ich am Kulturpark ankam, war schon mächtig etwas los. Alle 5 Minuten ging eine Gruppe Radfahrer auf die Strecke. Auf dem Gelände selbst wurde auch Frühstück angeboten und viele Angehörige standen da, um den Startern nochmals alles Gute zu wünschen.

Um 10 Minuten nach 5 rollte ich langsam in die Startaufstellung. Vorne stand Didi Senft, der zwar seinen „aktiven Dienst“ bei der Tour de France aufgegeben hat, aber bei der Mecklenburger Seenrunde dennoch mit vollem Elan die Radfahrer auf die Strecke schickte.

Um mich herum steht eine bunte Mischung an Rennradlern. Mit Rucksack und ohne, kurz/kurz und – wie ich – mit Windjacken und Beinlingen, vor mir geht ein Fixie-Fahrer auf die Strecke. 300km mit 53/17 … bergauf und bergab – Respekt!

So langsam zählt der Moderator die letzten Sekunden herunter und just in time entscheidet das Wetter, dass 12°C und trocken einfach nicht so richtig sind. Genau zu dem Zeitpunkt, in dem ich durch den Startbogen fahre, frischt der Wind auf und es beginnt zu tröpfeln. Noch 299,9km zu fahren.

3. Akt – ZENSIERT

Wetter, kalt, Regen, MSR300, Sportograf

ja! ich sehe nicht nur angepisst aus… ich bin’s

Eine adäquate Überschrift ist leider nicht jugendfrei, ich lasse Mal Bilder sprechen.

Auf den ersten Kilometern nimmt der Regen zu, es ist windig und mein Garmin Edge 510 zeigt 5°C an. Wohlgemerkt ist es der 30. Mai – beinahe Sommer. Aber eben nur beinahe.

Die Gruppe wird hinter einem Polizeiwagen aus Neubrandenburg begleitet und auch die nächsten Kilometer bleibt das Feld zusammen. Ich habe ich im hinteren Drittel einsortiert, nicht nur weil mir kalt ist, mein Gefühl sagt mir, ich brauche die Kraft noch.

Nach Burg Stargard zieht sich das Feld auseinander und ich rolle in einer Gruppe mit. Immer mit dabei der Straßendreck der letzten Wochen. Der Wind bläst das Spritzwasser irgendwie immer ins Gesicht und wenn es das Wasser des eigenen Vorderrades ist.

Meine Motivation ist am Boden, denn meine Windjacke lässt schon die erste Feuchtigkeit durch. Dabei bin ich schon maximal angezogen. Armlinge, Windweste, Windjacke, Beinlinge, Cyclecap – nur ein Buff habe ich noch in der Trikottasche. Warm werde ich so kaum, auch weil ich immer noch nur locker dahinrolle.

Nach 48 Kilometern steht in Feldberg die erste Verpflegungsstelle an. Viele fahren weiter, ich freue mich schon die ganze Zeit auf einen Kaffee und fahre raus. Leider war das ein Fehler.

Im stehe mit einer Menge anderer Radfahrer vor einem Zelt im strömenden Regen. Mein Stopp für einen Becher Kaffee und ein Stückchen Kuchen dauert bestimmt 15 Minuten. In diesen 15 Minuten kühle ich komplett aus. Als es endlich Kaffee gibt (2 von 3 Kaffeemaschinen waren defekt) zittere ich wie Espenlaub. Ich kippe den Kaffee in mich hinein, stelle mich noch etwas unter und steige wieder aufs Rad.

Das Zittern hört nicht auf und gegen 7:30 Uhr hat meine Stimmung damit den absoluten Nullpunkt erreicht. Gedanken daran aufzugeben spuken mir durch den Kopf. Ich bin durchgefroren bis auf die Haut, es regnet weiterhin und der Wind macht es sehr kalt.

Als ich aus der Verpflegung gefahren bin, war keine adäquate Gruppe in der Nähe, alle vor mir waren zu langsam, sodass ich noch mehr fror. Also habe ich die Initiative ergriffen und habe etwas Tempo draufgelegt, um wenigstens das Zittern wieder loszuwerden.

Glücklicherweise hörte es dann so langsam das regnen auf. Kalt war es immer noch, allerdings war endlich die Chance da, dass die Bekleidung abtrocknet.

Wir näherten uns Neustrelitz und damit der zweiten Verpflegungsstelle. In einer Gruppe rollte ich gut bis dahin und war hoch erfreut, als ich gesehen habe, dass es Suppe gab. Nach einem Becher Kaffee und einem Teller Backerbsensuppe (die wohl Beste meines ganzen Lebens) kehrten tatsächlich die Lebensgeister wieder in mich zurück. Noch 222km zu fahren.

4. Akt – die Wende

Ich wurde langsam wieder trocken, ich hatte mit meiner Frau telefoniert die ich bei der nächsten VP treffen würde und ich war gestärkt. Die Voraussetzungen waren gut. Um nicht wieder abzukühlen fuhr ich aber so schnell wie möglich weiter, mit dem Ergebnis, dass weit und breit keine Gruppe in meinem Tempo zu sehen war.

Rund um Neustrelitz kenne ich mich aus, hier waren wir in vergangenen Urlauben schon. Die Strecke von Neustrelitz über Mirow nach Röbel war also eine Art Heimspiel.

Nach und nach sammelte ich vereinzelte MSR-Fahrer auf, keiner fuhr aber mein Tempo. Kurz vor Userin schloss sich mir ein Fahrer an, der ganz froh war, dass ich die Tempoarbeit übernommen habe. Was so eine Backerbsensuppe alles bewirkt.

Nudeln, Verpflegungsstation, Röbel, Müritz

die Hauptverpflegungsstelle in Röbel

Mit Druck schlossen wir die Lücke zu einer großen Gruppe, in der wir dann über Mirow bis Röbel durchfuhren.

Insgesamt ein schöner Streckenteil, trotz der Kopfsteinpflasterteile und einer Strecke über die Bundesstraße.

In Röbel angekommen begrüßen mich schon Sohn und Frau sowie die Aussicht auf eine warme Portion Nudeln.

Hier nehme ich mir etwas mehr Zeit. Die Nudeln wärmen und machen satt. Als Nachtisch lege ich neben einer Banane noch 3-4 Stück Kuchen sowie einen Kaffee nach. Obwohl meine Frau 2-3 trockene Ersatzteile dabei hat, verzichte ich. Inzwischen bin ich wieder abgetrocknet und die Aussicht mich umziehen zu müssen ist bei den Temperaturen wenig verlockend.

Nachdem ich mich von meiner Familie verabschiedet habe, rolle ich wieder auf die Strecke zurück. Noch 172km zu fahren.

5. Akt – die große Ödnis

Nach der Verpflegung schon wieder das gleiche Spiel. Keiner da, mit dem ich fahren kann. Wenn ich gewusst hätte, was mir blüht, hätte ich noch ein paar Minuten gewartet.

Mecklenburg Vorpommern, Strecke, Radmarathon, RTF, Rennrad

endlich mal eine Kurve zur Abwechslung

Was nach Röbel folgt, ist die Hölle. Es geht fast 25km fast nur geradeaus im Gegenwind auf einer Hauptverkehrsstraße. Hinter mir haben sich 2-3 andere eingenistet und keiner möchte in den Wind. Vielen Dank auch. Als ich vor einem der Hügel am Horizont eine kleine Gruppe erblicke, versuche ich irgendwie Druck zu machen – geht aber nicht. Um so mehr freut es mich, als wir von einer schnelleren Gruppe aufgesammelt und mitgenommen werden.

Die endlose Ödnis der geraden Straße im Gegenwind ist kaum in Worte zu fassen. Einzig minimale blaue Flecken am Himmel hellen meine Stimmung auf.

Um so erfreuter bin ich, als wir den Plauer See erreichen. Gerade als wir auf das Ufer zufahren, reißt der Himmel auf und es wird sonnig.

Einfach unglaublich. Das war ein Turbo für meine Laune. Ich fuhr in einer Gruppe in der wir uns regelmäßig beim Tempo machen abwechselten und die auch halbwegs zusammenblieb und es wurde sogar etwas warm.

Der Stopp am Verpflegungspunkt Nossentiner Hütte wäre eigentlich nicht notwendig gewesen, aber für eine Toilettenpause und einen Kaffee fuhr ich raus. Da es spontan zu regnen begann (wo kam das denn her), verlängerte ich um eine Brühe, eine Cola und etwas Herzhaftes. Noch 124km zu fahren.

6. Akt – Licht & Schatten

Nachdem ich die Hälfte der Strecke schon hinter mich gebracht hatte, lies ich mich vom Regen nicht abschrecken. Im Vergleich zum Morgen nieselte es nur, also fuhr ich in den Regen. Die Entscheidung hatte sich gelohnt. Es hörte sehr schnell das regnen auf, der Wind kam nicht von vorne und ich fuhr einige Kilometer fast alleine bis ich wieder eine 4er Gruppe gefunden habe, zu denen mein Tempo passte.

Je näher die 200km-Marke kam, um so besser fühlte ich mich. Ich fuhr ziemlich locker und in einem sehr guten Tempo. Die Euphorie, als ich die 200 überschritten hatte, lässt sich schwer in Worte fassen. Alles über 168km war für mich Neuland – weiter bin ich nie gefahren. Ich hatte die Ironman-Marke hinter mir gelassen und jetzt stand da sogar die 2 vorne. Das Wetter war gut, die Muskeln waren warm, es lief.

Ich hatte mich von einer Gruppe abgesetzt, weil ich wirklich gut drauf war. Als ich von einer schnellen Gruppe überholt wurde, dachte ich, ich könnte mich anschließen. Leider habe ich zu lange nachgedacht. Ich erhöhte das Tempo – fuhr dann allerdings gut 5km im Wind alleine, bis ich an den langsameren Teil der Gruppe Anschluss gefunden hatte.

Just in diesem Moment begann es schon wieder zu tröpfeln. Allerdings zeigt der Blick zum Horizont noch Schlimmeres. Es war dunkel, es donnerte und nach wenigen Minuten war ich wieder pitschnass und fuhr wieder in eisigem Wind durch ein Gewitter. Es hagelte leicht und war einfach nur wieder bitter kalt.

Zum einen habe ich beim Tempo machen vorher, einiges an Körnern gelassen, zum anderen war ich wieder komplett kalt. Ich versuchte mich in einer Gruppe zu verkriechen. Mit um die 25 km/h schleppten wir uns näher an die nächste Verpflegungsstelle. Kurz vorher hörte es zwar wieder zu regnen auf, der Wind und die Kälte blieben aber erst mal.

Ich lies mich an einem der Feuer nieder um mich zu wärmen. Die Finger waren eisig, die Klamotten noch nass. Kaffee, Brühe, Salzstangen, Cola … es war an der Zeit die Speicher wieder zu füllen und etwas Wärme zu tanken.

Um mich herum viele gezeichnete Gesichter. Der beste Spruch, den ich aufgeschnappt habe, hab‘ ich mir gemerkt. „Das ist eine Tour, von der kannste‘ Deinen Enkeln erzählen“ … „Ja, aber nur wenn se besoffen sind – sonst sagen die nur: Du hast doch nen Knall“.

So langsam merke ich die Strecke auch in den Beinen. Noch 78km zu fahren.

7. Akt – das Ende ist nah!

MSR300, Peleton, Rennrad

in der Tempo-Gruppe

Was sind schon 78km – im Grunde gar nichts. Ich rechnete schon meine Zielzeit aus, als ich nach der Verpflegung von zwei recht schnellen Fahrern überholt wurde. Zusammen mit einem weiteren Radler schlossen wir uns zusammen.

Wie ich feststellen musste, hatten die beiden ein knackiges Tempo vor. Ich versuchte relativ lang dranzubleiben. Gut, dass die zwei sich in der Tempoarbeit abgewechselt haben. So konnte ich mich bemühen, am Hinterrad kleben zu bleiben.

Nach ca. 20km war die Luft aber raus. Der Gedanke in dem Tempo noch 50km fahren zu müssen, war zu viel. Ich konnte die Lücken nur noch mit einem Zwischensprint schließen und achtete ich einmal nicht auf die Gruppe, war sie schon wieder 10-20 Meter enteilt.

Brühe, Verpflegungsstation, Salzig, MSR300

die Rettung nach all dem süßen Zeug … und warm war sie auch noch!

Also lies ich sie fahren. Inzwischen war mir auch etwas übel – kein Wunder, wenn man den ganzen Tag nur von Süßkram lebt. Ich freute mich auf die vorletzte Verpflegungsstelle in Möllenhagen wo ich mir eine kräftig salzige Brühe anrührte und in Ruhe trank.

Zwar war mir seit Kilometer 140 in etwa klar geworden, dass ich das Ziel erreichen kann, aber 40km vor Neubrandenburg … zusammen mit dieser salzigen Brühe … konnte ich es erst wirklich fassen. Ich würde finishen!

Um mich herum auch diesmal wieder viele sehr ruhige Gesichter. Alle sehr in sich gekehrt. Hier gab es keine flotten Sprüche, sondern Leute die etwas Ruhe suchten.

Eines war für mich klar, die allerletzte Verpflegung wollte ich ausfallen lassen. Also stieg ich auf mein Rad, mit der Gewissheit erst hinter der Ziellinie wieder abzusteigen.

Die letzten Kilometer waren – wie zu erwarten – sehr hart. Ich griff alle paar Minuten um, da mir der Nacken weh tat, Tempo machen ging kaum noch und Anstiege taten richtig weh. Und vom Heck regen wir erst gar nicht.

Allerdings stieg mit jedem Kilometer, den ich näher kam die Euphorie. Im Dorf Chemnitz folgte dann ein wahres Stimmungsnest. Das hat für die letzten Kilometer kräftig gepusht. Kinder, Omas … viele Leute auf den Straßen, die richtig Stimmung machten.

Trotz der Schmerzen ging es auf die letzten 5km. Diese verlaufen großteils auf einer Bundesstraße. Nach einem kurzen Anstieg fällt die Strecke ab und ich drehte den Gashahn auf, so weit ich konnte. Mit vollem Tempo rollte ich Neubrandenburg entgegen.

Einmal abbiegen, ab in die Seestraße … dann rein in den Kulturpark. Im Hintergrund höre ich schon den Moderator. Vor mir eine Brücke, die ich hoch muss. Auf der andere Seite muss ich nur noch rollen lassen … die Zeitmessung piept und es ist geschafft. 300km sind im Kasten!

MSR300, Zieleinfahrt, Rennrad, Roadbike

geschafft!

Diesmal lasse ich mir einen vernünftigen Jubel nicht nehmen. In wenigen Augenblicken fällt die Last einer 300km Runde und einem halben Jahr Vorbereitung einfach von mir ab.

Im Ziel beglückwünschen mich irgendwelche Damen und hängen mir die Finisher-Medaille um.

BAMM… 300km … geschafft. Einfach unglaublich. Ich schiebe mein Rad auf die Veranstaltungsfläche und starre erschöpft aber glücklich in die Gegend, bis mich mein Sohn und meine Frau aufgespürt haben.

Einfach der Wahnsinn! 0km zu fahren!

8. Akt – leer

In diesem Moment bin ich einfach nur leer. Leer aber glücklich. Und mir ist kalt – obwohl über dem Ziel die Sonne scheint.

Ich genehmige mir ein Zielbier und etwas zu essen, setze mich ein paar Minuten mit meiner Familie hin und genieße die Zufriedenheit, die mich durchströmt.

Was für ein Tag. Reine Nettofahrtzeit ca. 10h 40 – 28er Schnitt – Bruttozeit 12h 13 … 300km mit fast 2.000 Höhenmetern durch Regen, eises Kälte, Sonne und Hagel. Noch nie war ich so stolz auf etwas, was ich sportlich erreicht habe! Vielen dank Mecklenburger Seenrunde!

Ob ich weiter als 300km fahren wollen würde? Eher nein … ob ich nochmals 300km in Angriff nehmen würde, mal sehen. Wie weit ist es eigentlich bis Schweden??

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8 Comments

  1. Hammer Daniel! Einfach Hammer! Ganz herzliche Gratulation von meiner Seite. Das hast Du top hingekriegt und zu lesen war es sicher amüsanter als zu fahren ;-) Wenn so weitermachst, könnt ich Dir sonst mal noch den Glocknerman (iek steil!) oder das RAA (Race around austria – iek steil und lang) empfehlen :-D

    Die Spende hast Du Dir auf jeden Fall verdient!

    glg Nala

    • Vielen Dank Nala – ich freue mich sehr über die Spende. Dafür hat sich jede Kurbelumdrehung gelohnt. Und wer weiß was die Zukunft bringt. Ein bisschen Bekloppt muss schon sein, vor allem wenn man dann noch auf solche Aktionen aufmerksam machen kann :-)

  2. Glückwunsch! Bin die MSR 2014 und 2015 gefahren (NB ist Heimatstadt). Letztes Wochenende zum ersten Mal die Vätternrunde in Angriff genommen. Im Gegensatz zur MSR ideales Wetter gehabt (war ja dieses Jahr die eigentliche Herausforderung für die MSR) und Schweden ist deutlich einfacher zu fahren als hier in der Moränenlandschaft. Auch die Gruppenbildung geht fast wie von selbst (über 20000 Teilnehmer auf den 300km).
    An Schweden selbst stört mich nur die lange An-/Abfahrt, aber dies kennst Du ja jetzt schon.
    Schweden lohnt sich, aber ein paar Dinge sind bei der MSR besser gelöst – z.B. Verpflegung.

    • Hallo Bernhard – danke für das Feedback. Interessant wenn Du den direkten Vergleich hast.
      Man braucht ja Träume, die Vätternrunde ist auf jeden Fall einer davon – und wie bei euch, kann man ja auch Schweden gut Urlaub machen.

  3. Hallo Daniel, nachdem Du geschrieben hast, dass wir gleichauf waren, habe ich mir Deinen Erlebnisbericht angeschaut. Wie lustig, das passt ja wirklich fast auf die Minute! Ich bin um 5:30 gestartet. Da sind wir uns unterwegs sicher über den Weg gefahren. Auf jeden Fall war es ein Tag, an den man wohl noch lange denken wird :-)

    • Hihi, danke für deinen Kommentar. Ja genau so ging es mir beim lesen Deines Blogs – ich meine mein Unterbewusstsein hat mir die Erinnerung heraufgespült, dass wir in der gleichen Gruppe gefahren sind, als es das Hageln angefangen hat, danach bin ich nämlich raus um mir eine Brühe und einen Kaffee zu genehmigen. So klein ist die Welt.
      Ich halte es so wie der Kommentar den ich aufgeschnappt habe mit den Enkeln … das war ein großes Erlebnis und das bleibt sicher lange im Kopf. Seitdem hab ich übrigens weiterhin 0,0000 Ambitionen 300km oder mehr zu fahren… komisch :D

    • Hey Ray, als Erfahrung auf jeden Fall toll. Man muss ja auch nicht gleich auf 10h fahren – ich fands toll, auch wenn mir das Wetter anfangs übel mitgespielt hat.
      VG
      Daniel

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