Weltkulturerbelauf 2017 – ein Halbmantrathon

Wie der ein oder andere regelmäßige Leser sicher schon länger bemerkt hat, ich habe mich vom schreiben typischer Wettkampfberichte verabschiedet. Meist steht das gleiche drin, der Spannungsbogen ist vorhersehbar oder es wird minutiös jeder Kilometer beschrieben … wenige Dinge, die den Leser mitnehmen.

Hin und wieder hab ich schon auch die Tendenz in so einen Berichtsstil zu verfallen, aber was ich sehr gerne mache – ich schreibe mein Rennen nieder. Meine Erlebnisse – so emotional wie ich es erlebt habe. Gestern habe ich noch meinen 2 Jahre alten Bericht vom Weltkulturerbelauf 2015 auf Twitter verlinkt und ihn selbst nochmal gelesen. Der regelmäßige Leser weiß gegebenenfalls auch, dass ich so langsam ein „alter Sack“ werde und immer noch an meiner Unglaublichen Leistung aus dem Mai 2015 hänge. Bei aller Achtsamkeit und neutralen Beurteilung dessen, was mir dazu einfällt … immer und immer wieder denke ich wie genial ich in Form war, wie hart ich gekämpft habe und was ich an Wettkampfleistungen erreicht hatte. Es vergeht quasi kein Monat in dem ich nicht daran zurückdenke oder darüber rede/schreibe/blogge/twittere.

Seit Mai 2015 hat sich aber mein Leben verändert, ich bin teils nicht mehr in der Lage so hart und viel zu trainieren wie 2014/2015 und andererseits möchte ich es vielleicht gar nicht mehr. Vor kurzem schrieb ich erst den passenden Blog dazu. Erfolgreich im Wettkampf aber unzufrieden, ständig am meckern, unglücklich mit dem Sport. Möchte ich das wirklich wieder?

Aber dann ist da das Ego, das möchte natürlich wieder. Wenn es eine Zeit von 1:37:44 über eine ziemlich hügelige Halbmarathonstrecke sieht, will das Ego wieder der geile Typ sein, der aus dem Nichts eine Hammer Leistung erzielt, der quasi nie müde wird und immer noch einen drauflegen kann.

Das hier geht jetzt an mein Ego und an euch – die wenigen die das Blog noch lesen, seitdem es weniger Beiträge gibt und immer mehr Psychogeschwurbsel.

Was riecht wie ein Fisch und aussieht wie ein Fisch ist ein Fisch

Nicht das ich meine Wettkampfplanung dieses Jahr irgendwie sonderlich durchdacht hatte. Mein sportliches Toptoptop1++++goldmitStern Ziel ist und bleibt der ZUT Supertrail. Dafür ordne ich – in realistischen Momenten – alles unter. Ich folge seit Wochen einem Trainingsplan und laufe so viel wie noch nie.

Der METM war ein Herzensprojekt mit den coolen Jungs der #KCHNCRW und alles dazwischen soll Spaß machen.

Nun haben Ausdauersportwettkämpfe in meiner Filterblase eine sehr gefährliche Wirkung. Ich bin als Meldelemming wahnsinnig empfänglich für das, was an einem Wettkampftag um mich herum – und sei es nur in den sozialen Medien – passiert. Klar … andererseits bin ich auch gerne der Verführer, der Rattenfänger von Hameln der auf der Twitter/Instagram/Blog-Flöte (höhöhö) spielt um zu zeigen wie krass, schön, hart, witzig so ein Wettkampf war.

Ausgleichende Gerechtigkeit würde ich sagen. Jetzt ist eben wieder Wettkampfsaison und diese hektisch aufgeregte Art wabert durch meine Timeline. Das ist alles noch viel schlimmer für mich geworden, seitdem ich so viele Leute meiner Timeline persönlich kennen- und schätzen gelernt habe. In dieser Stimmung übersieht man gerne die Realität.

Meine Realität ist ganz klar folgende:

  • METM Dreierseilschaft vor 1 Woche
  • 3,5 Tage Messe volle Power im Job
  • Kaum geschlafen unter der Woche und ständig im Stress
  • zwei Tage vor dem WKEL war ich der Meinung nochmals 11 und 10km laufen zu müssen
  • HRV Werte sanken zum Wettkampftag

Als Aufzählung schon mal eindrucksvoll. Würde mir das jemand zutragen ich würde sagen, lass gut sein und laufe locker. Aber wie oft würde man anderen Menschen etwas raten, an das man sich selbst gar nicht halten würde.

Halten wir fest, keine optimalen Bedingungen für Sport. Nach dem Aufwachen am Sonntag war es mir prinzipiell schon klar und ich versuchte mit Ruhe und Entspannung doch noch so etwas wie einen sinnvollen Wettkampfmodus zu erreichen.

Der Halbmantrathon

Achtung, kein Tippfehler – es heißt HalbMantraThon. Warum? Weil auch in Bamberg beim Weltkulturerbelauf wieder das wichtig war, was mich seit etwa einem Jahr verfolgt. Seit meiner Leisten-OP, seitdem ich das Training für fast 9 Monate unterbrochen und verändert hatte brachte mich der reine Wille durch Wettkämpfe wie den Berlin Marathon, die Cyclassics oder den Heldenlauf.

Wettkampfstart um 15:30 Uhr – spannende Uhrzeit und ausreichend Potential die 1001 Fehler im Ausdauersport zu begehen. Aufregung Zuhause, schwere Beine, gefühlt wenig Belastungsfähig, Puls oben. Der Vorteil an einem frühen Wettkampfstart ist wohl, dass man diese Sachen nur kurz wahrnimmt. Aufstehen, frühstücken, ab zum WK und laufen. Fertig, Feierabend.

Um 15:30 Uhr ist der Tag quasi gelaufen, man hat ausreichend Zeit sich und sein Umfeld in den Wahnsinn zu treiben und man kann ständig was neues ausprobieren. Zum Beispiel zum Thema Ernährung. Ich dachte erst, ich wäre gut Vorbereitet. Ich hab auf das Mittagessen verzichtet (Fehler) und stattdessen auf das berühmte Honigbrötchen umgeschwenkt. Erfolgsgarant vieler Laufveranstaltungen die ich MORGENS besucht habe. Vor dem Start noch ein Gel – das solle doch reichen, immerhin trainiere ich aktuell Distanz und am Samstag lief ich 10km 6er Pace im Durchschnittspuls von 126 (das sind ca. 20 Schläge weniger als am Jahresanfang!).

Aber mein Körper war eben gestern anderer Meinung, ich war alles andere als optimal erholt. Gefühlt und lt. meiner HRV App. Inzwischen habe ich gelernt, dass ich nach Stressbelastungen tatsächlich 2-3 Tage brauche um diese zu verdauen. Wichtige Erkenntnis, wenn man sie denn im Hinterkopf behält.

Immerhin war das Wetter super, ich machte mich gegen 14:00 Uhr mit der Familie Richtung Bamberg auf um dort Mr. Schnaufcast himself zu treffen. Die Familie bezog ihren Posten als Edelhelfer am Streckenrand bei Flos Freundin und wir machten uns auf zum Start. Vorher noch Startbeutel abgeben und Nicklas (auch von Twitter) zu treffen. Gemeinsam liefen wir uns ein und Flo fasste ziemlich exakt zusammen was gleich folgt, wenn ich beim Einlaufen und 5er Pace Tempotest schon so ins Schnaufen kam, ist mein „Flat out laufen“ Plan für den Tag quasi gestorben.

Nun denn, Einlaufen, Dixie, Gel, was trinken, Startaufstellung und loslaufen. Im Nachhinein lief ich nichtmal zu schnell los, aber es fühlte sich einfach zu hart an. Mein Körper wollte das nicht und der kann echt stur sein.

In der Gerade einrollen bei 4:30er Pace ging noch, erster Anstieg hochknallen, ging noch – erster Downhill runter, ging super … Gegenanstieg hoch uff. Kein Saft für Uphill – genau das was ich wie verrückt trainiere und wo ich anderen Leuten normalerweise davonziehe.

Flo und Nicklas zogen also den Berg gen Altenburg davon, mir war verdammt heiß und es fehlte jede Agilität den verdammten Berg nach oben zu kommen. Im Vergleich mit den Werten von vor zwei Jahren kein Wunder, ich belastete mich damals noch mehr aus, noch höhrer Puls – der Limiter sitzt nicht in der Ausdauer.

Nachdem ich mich innerlich bei den ersten Anstiegen von einer Zeit um 1:45 verabschiedet habe musste ich etwas mit meiner Unzufriedenheit kämpfen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Herzlich Willkommen im Land der Erwartungen.

Egal, Altenburg hoch und wieder runter. Runter kann ich. Meine Fußsohlen fühlten sich zwar an, als würden sie brennen, aber mit 4:07er Pace abwärts sorgte für etwas Entspannung. Danach geht es im Zick-Zack durch die Gassen und ich versuchte einen Rhythmus zu finden, sah nirgendwo KM Schilder und hatte auch gar keinen Plan wie schnell oder langsam ich war.

Bei KM 10 war ich froh, gleich die Hälfte geschafft zu haben – die Idee auf den Flachstücken noch etwas zu reißen war rein theoretisch da, aber dieser Körper mochte nicht gehorchen. Ab da wurde aus dem Halbmarathon der Halbmantrathon. Ungelogen! Ab KM 11 hatte ich nur noch ein Mantra im Kopf, bei jedem Schritt: „Ich will ins Ziel / Ich schaffs ins Ziel / Ich lauf ins Ziel“.

Gefühlt lief ich zäh wie Kaugummi, auch wenn Strava da anderer Meinung ist, denn fast 10km Flach lief ich ziemlich konstant um 5er Pace. Nicht locker, nicht einfach, ständig auf Druck … aber ich lief sie. Beim KM18 stand die Family, was mich sehr gefreut hat, aber nur wenige Meter später war der Ofen aus.

Beim letzten Anstieg ging ich hoch – an Laufen war nicht zu denken. Am liebsten wäre ich stehengeblieben, aber ich fühlte was das bedeutet. Mir war so krass schwindelig, wäre ich stehengeblieben ich wäre wahrscheinlich auf der Stelle umgefallen. Das ist doch mal eine Aussage, lieber bewegen als umfallen. Also ging ich so schnell ich konnte den Domberg nach oben mit der Aussicht bergab nochmals alles abzurufen was ging. Oben die Wende, dann bergab … noch viele Leute einsammeln.

Der Bereich ist der Hammer, abwärts, immer engere Laufwege, unheimlich viele Zuschauer. Zieltor, abdrücken, stehenbleiben. Flo und Nicklas standen schon bereit. Was mein erster Gedanke nach dem Zieleinlauf war… ich will nicht Spoilern … im Mai-Schnaufcast wird live zu hören sein wie ich mich gefühlt habe.

Ich war aber total am Ende, musste mich am Bierstand abstützen. Ich zitterte und hatte gar keine Kraft mehr. Boah … so kaputtgelaufen hatte ich mich schon lange nicht mehr. Nach einem Apfel, einer Laugenstange, dem alkoholfreien Weizen und einer Nussschnecke ging es mir innerhalb weniger Minuten wieder besser. Tja … krass verzockt. Unterzucker, Hungerast, wie so oft bei mir.

Am Ende stehen da jetzt 1:50:18 – fast 13 Minuten langsamer – liebes Ego. Damit musst Du zurechtkommen. Ich möchte keine Ausreden liefern oder Dinge relativieren. Es ist einfach so. Mal anders betrachtet, es war ein cooler Lauf, das Wetter war super, alle hatten erstklassige Stimmung, die Strecke ist einmalig, die Zuschauer in Massen vor Ort. Was will man mehr. Erlebnis vor Ergebnis.

Während Nicklas sich per Zug wieder nach Hause verabschiedete folgte das Racedebriefing mit Flo und den Familien im Biergarten. Sehr versöhnlicher Abschluss… und ganz ehrlich … als es dann Abends nach Hause ging, war das „Drama“ schon wieder vorbei. Mal ehrlich, es gibt wichtigere Dinge als eine Bestzeit, als ein gut gelaufener Wettkampf. Lieber zufrieden und glücklich mit dem Sport (und dem was dazu gehört) als verbissen und unzufrieden im Training für die wenigen Sekunden Ruhm einer Bestzeit (von wem überhaupt? Ist ja immer einer schneller).

Ansonsten bleibt der Halbmarathon für mich weiterhin der große Lehrer. Wie oft habe ich mich beim HM schon verzockt? Wie oft habe ich aber auch aus dem nichts großartige Leistungen gezaubert. Halbmarathon ist für mich Laufen am Limit, der HM lässt keine Korrekturen zu wenn man es überzieht, dafür tut es auch nur kurz weh. Die Verlockung es schneller angehen zu lassen ist groß, denn wenn man sich verzockt kann man am nächsten Tag (im Gegensatz um Marathon) schon wieder weiter machen.

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