ZUT Basetrail XL – 50 Shades of Schlamm

Ich mache dieses Trailrunning-Ding ja noch nicht so lange und schon gar nicht sonderlich professionell – aber nachdem ich es bisher „ganz cool“ fand, fühle ich mich jetzt … anders. Ganz anders – aber eines nach dem anderen.

ZUT, Grainau, Trailrunning, Basetrail XL,

gesagt – getan

Wie die Sache begann ist gut dokumentiert, immerhin habe ich mich (mal wieder) von der Euphorie der Masse leiten lassen. Bereits vor 2 Jahren erfasste mich die Euphoriewelle zum ZUT – aber die Vernunft siegte. Letztes Jahr war es allerdings um mich geschehen. Zum Anmeldestart gab es kein halten mehr und als 40ter Bekloppter füllte ich die Starterliste des Basetrail XL beim Zugspitz Ultratrail.

Bis zu diesem Wochenende sollten es noch fast 600 mehr werden. Insgesamt gingen beim 5. Salomon Zugspitz Ultratrail mehr als 2.000 Trailrunner aus aller Herren Länder an den Start. Ein echtes Spektakel.

Nimm 3 – für Vitamine und Training?

Nach der Saisonplanung habe ich mir irre viele Gedanken gemacht, wie ich denn alle meine Ziele 2015 erreichen kann. 10er und HM-Bestzeit drücken, fit für 300 Radkilometer werden und einen alpinen Trailwettkampf laufen um letztlich das Marathon Debüt beim Berlin Marathon abzuliefern.

Ich tüftelte Trainingspläne zusammen, strich hier was und dort und war ganz zufrieden. Immerhin konnte ich auch diese Woche noch ein positives Gesamtresümee ziehen. Das es für ein spezifisches Trail-Training für den Basetrail XL nicht mehr reichen würde, wurde mir allerdings ziemlich schnell klar.

Im Winter bin ich noch wie in Irrer auf Dienstreise Hügelintervalle gelaufen – das gab Schmackes in den Oberschenkeln, aber je näher die MSR300 rückte um so mehr Laufeinheiten habe ich geopfert oder umgebaut. Was mir beim ZUT blühen würde habe ich dann erst vor kurzem simuliert – mit #OchsenK30 habe ich mich bei einem Trainingslauf erstmals richtig in das Reich der Schmerzen verabschiedet. Das konnte ja lustig werden.

HFMax in der Vorplanung

Grundsätzlich war alles für den ZUT schon geplant. Die allerbeste Läuferehefrau der Welt (= meine) wollte mit dem allerbesten Läufersohn der Welt ein Wochenende bei meiner Schwägerin in München verbringen während ich weiter nach Grainau fahren wollte um dort „spielen zu gehen“.

Hier ereilte mich kurzfristig am Donnerstag eine mittelschwere Streß-Panik-Attacke. Kurzfristig mussten wir umplanen und meine Familie sollte als Alternative mit nach Grainau. Etwa 24h vor der Anreise – in einen Ort der ausgebucht ist.

Ich unterdrückte im Büro einen Panikanfall und machte mich auf die Suche. Meine Frau telefonierte auch um die Wette und anstatt Unsummen für das allerletzte freie Familienzimmer (300 EUR für 2 Tage …uff) hat das Team des Alpenhof Grainau (wo ich bereits ein Einzelzimmer gebucht hatte) eine super Lösung gefunden, die absolut fair und bezahlbar geblieben ist. Vielen Dank dafür!

Nachdem der Schreck überstanden war, konnte ich meine Nervosität noch mit dem Packen der Pflicht- und der Kürausrüstung etwas verstärken. Zusammen mit minütlich abgerufenen Wetterberichten trieb ich mich also erstklassig in den Wahnsinn. Wie es sich eben vor einem Wettkampf gehört.

Zugspitz Ultratrail 2015 – Grainau wir kommen

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zur Ankunft war das Wetter noch friedlich

Was will ich zum Event selbst schon noch groß Worte verlieren. Der ZUT ist der „Berlin Marathon“ unter den Trailrunning Veranstaltungen in Deutschland. Man nehme ein touristisch geprägtes Alpendorf, in dem mittel- bis etwas ältere Hotels einen großen Teil des Jahres von Pensionären leben. Werfe 2.000+ bunt gekleidete Ausdauersportler aller Alters- und Leistungsklassen dazu und veranstalte ein 3-tägiges Trailrunning Fest aller erstes Güte.

Fertig ist der Zugspitz Ultratrail, der es in 5 Jahren von 700 auf über 2tsd Startern gebracht hat. Nun ist es so, wie in vielen Bereichen; das gefällt nicht jedem … Trailrunning ist ein komisches Gebilde, viele Leute machen es, sehr viele Leute versuchen es zu definieren und jeder hat so eine andere Meinung. Als relativ alternativer Ausdauersport ist der Kommerz nicht überall gern gesehen – aber ich bin realistisch – wo Leute die Unmengen für ihren Sport bezahlen (Ausrüstung, Reisen & Co.) kehrt ein wenig Mainstream ein.

Aber will man es den Tourismusverbänden wirklich verübeln. Die Winter werden mieser und ein Teil der Stammgäste wird immer älter. Deswegen zieht eine handvoll Zugspitz-Gemeinden an einem Strang und organisiert ein faszinierend verrücktes Sport-Event.

P-A-R-T-Y!

In und um den ZUT hat man ständig den Eindruck, es würden sich fast alle kennen. Irgend jemand drückt irgend einen anderen die Hand oder fällt sich um den Hals. Die Community ist überschauberer und an so einem Brennpunkt wie dem ZUT treffen sich sehr viele.

Trailmops Paul weiß, Samstag geht es hoch hinaus

Trailmops Paul weiß, Samstag geht es hoch hinaus

Mir sollte es ja nicht anders gehen. Während ich noch über die Messe schlenderte wurde ich von Stephan (@Rennmops) enttarnt der direkt neben Chris (@Flitzpiepechris) stand. Das dauerte gefühlt 2 Minuten. Die Welt ist eben klein.

Nachdem ich mit meiner Familie das zweite Stück Kuchen des Tages verdrückt hatte und mich die Wetterpanik weiter geisselte, musste ein kurzer Not-Shopping-Angriff her. In absoluter Panik erwarb ich eine neue 3/4-Hose sowie eine Mütze (warum auch immer). Nicht das ich für das ganze Abendteuer eh schon ca. 50% meines Sportbudgets des Jahres verbraten hätte.

Kaum aus der Messe raus laufe ich Sascha (@SaschaReetz) und Sarah (@Pitztrailienchen) in die Arme. Spätestens zur Pasta Party wollten wir uns im Musikpavilion treffen … aus der Wettkampf-Anspannung wurde so etwas wie Klassenfahrt-Euphorie.

Noch weit vor dem offiziellen Pasta-Party-Start um 18:00 Uhr waren wir vor Ort. Sarah und Sascha waren auch etwas früher da um einen Platz zu reservieren und klar zu machen, worum es hier geht. Neben Katrin (@Katitria) und Andre (@Andre_N0), Bert (@Bertrennt) kamen noch Sebastian (@Buzze), Maty (@Urbanyogimaty), Ulf (@Gpway) und eine ganze Menge Flitzpiepen dazu. Ausgelassene Stimmung, super freundliche Menschen und eine Menge trailgeschwängerter Smalltalk. Wer keinen Trail laufen will … aber wissen möchte, was diesen Sport ausmacht, den möchte ich 2016 einladen sich einfach auf ein Bier und ein paar Nudeln bei der Pasta Party einzufinden und die Stimmung wirken zu lassen.

Nach dem Spaß folgte der Ernst. Also das Briefing, in dem quasi das gesamte Reglement – was man als nervöser Rookie auf der Homepage schon 47x gelesen hatte – zweisprachig vorgetragen wurde. Wirklich interessant wurde es zum Schluss, als die letzten Wettervorhersagen zum Besten gegeben wurden.

Auch wenn der Freitag teilweise trocken war, für Samstag war es klar. Es würde regnen – stark! Oben am Berg konnte es schneien und Alternativrouten wurden ggf. angekündigt. Zudem gab es fest vorgeschriebene Streckenabschnitte die in lang/lang zu laufen waren. Oooohkay!

Mein Basetrail (X)L – 50 Shades of Schlamm

Ich kann es selbst kaum glauben, wie locker ich die Nacht vor dem Lauf verbracht habe. Abends noch schnell die Ausrüstung parat gelegt und den Wecker auf 5:50 Uhr gestellt. Das Hotel hatte netterweise Frühstück ab 6:00 Uhr angekündigt.

Als geübter Hotelschläfer kann mich zum Glück kaum etwas aus der Ruhe bringen, so schlief ich wirklich sehr gut und erwachte vom Alarm meiner Fenix und schlich mich aus dem Zimmer, um meine Familie nicht auch noch zu wecken. Langsam kroch die Nervosität hoch, aber Frühstück geht immer. Während es Anfangs noch trocken war, begann es pünktlich auf dem Weg zum Frühstück zu regnen. Nach einem halben Liter Kaffee und dem ein oder anderen Nutella-Brötchen war ich immerhin gestärkt.

im Trailbus

im Trailbus

Viel zu früh machte ich mich auf den Weg zum Shuttlebus, der mich von Grainau zu unserem Startpunkt in Mittenwald bringen sollte. Morgens beim Anziehen war ich noch optimistisch. CEPs und eine kurze Hose sollten es richten, der Rest war im Rucksack (der natürlich viel zu voll war). Die 500m zum Shuttle-Punkt waren aber genug um mich zu überzeugen, dass der Regen nicht warm genug für solche Experimente ist.

Also rein in den Trailbus und erstmal die Beinlige angezogen. Danach hieß es warten. Um kurz vor 8:00 Uhr setze sich der Bus in Bewegung und fuhr – für mein Gefühl deutlich zu lange – Richtung Mittenwald.

Der Gedanke, dass die Laufstrecke „nur“ 35,6km haben sollte, wenn ein motorisiertes Gerät schon so lange braucht kam mehrfach auf. Allerdings muss das Ding ja auch UM den Berg herum – wir durften drüber.

Dazu kam die Außentemperaturanzeige im Bus, die von 12°C genüsslich auf 9°C sank – während die Regentropfen an der Scheibe prasselten. Immerhin konnte ich den Ausblick etwas genießen. Es war warm und trocken … das würde sich bald ändern.

In Mittenwald angekommen stürmten alle den Bahnhof – dort traf ich auch fast alle der Basetrail XL Twitterati und wir fanden uns zu einer kleinen Rennbesprechung zusammen.

Etwas zu spät machen wir uns auf den Weg und stehen vor der Rucksack-Kontrolle im Stau. Immerhin eine gute Gelegenheit die Dichtigkeit der Regenjacke zu testen. Da sich der Start immer mehr nähert, geht man dazu über eher eine Rucksackabfrage zu starten. Nach 2 bejahten Fragen darf ich durch. Kurz noch 1-2 Poser-Fotos und schon zählt irgend jemand weiter vorne runter.

Uff… ging das schnell. Aus Sorge um die restlichen Gäste des Ortes scheint man auch die Musik etwas gedämpft zu haben. Meine Gänsehaut habe ich nur von der Kälte und nicht von der Stimmung.

Zusammen laufen wir los und traben durch Mittenwald. Nachdem sich der Tross etwas auseinanderzieht, nimmt Rennmops Stephan etwas Tempo auf und ich hänge mich entspannt dran. Kann ja nicht schaden einen gestandenen Ultrabekloppten (118km am Stück!) dabei zu haben.

STAU noch bevor es richtig losging

STAU noch bevor es richtig losging

Mit dem Laufen war es allerdings schneller wieder vorbei als gedacht. Durch den späten Einstieg in den Startkanal und den wenigen Überholmöglichkeiten hingen wir am ersten Anstieg erst mal fest. Obwohl man/ich hätte dort locker hochlaufen können, muss man sich bei so einem Event eben hinten anstellen. Das sollte nicht das letzte mal an diesem Tag sein.

Nachdem wir die Treppen und Anstiege überwunden haben, hieß es Beine lockern. Im entspannten Trab nahmen wir Kurs auf den Ferchensee, wo schon die erste Verpflegungsstation warten sollte. So langsam wurde mir warm und Stephan und ich quatschten (noch) über dies und jenes.

am Ferchensee im Einsatz - die #allebekloppt-Trailrunning-Crew

am Ferchensee im Einsatz – die #allebekloppt-Trailrunning-Crew

Auf der halben Umrundung des Ferchensees stellte die Strecke – die bisher nicht sonderlich anspruchsvoll war – aber klar, wer an diesem Tag das Sagen hatte. Das Wetter! Quasi der ganze Wanderweg war voller Pfützen und nur mit lockeren Sätzen kam man irgendwie darüber. Manche liefen im Gras – aber ich hatte den Plan so lange wie möglich trockene Füße zu behalten.

Bei der VP griff ich mir einen kleinen Happen und es ging schon weiter. Was folgte waren wellige Forststraßen, die wir mit lockerem Tempo laufen konnte, kleinere Anstiege und die ein oder andere Steigung, bei der die erste Gehpause angesagt war. Nicht weil es unbedingt notwendig war … aber meine Gedanken waren bei der Welt aus Schmerz bei meiner #OchsenK30 Generalprobe.

So habe ich auch Stephans Hinweis ausgeschlagen, ich könne weiter laufen, wenn mir das Tempo zu langsam ist. Aber so langsam waren wir gar nicht, immerhin haben wir bergab mal locker einen KM in 4:30 hingelegt. Ein bisschen Spaß muss sein!

Meine Uhr stand die ganze Zeit auf Höhenmeteranzeige. Die Kilometer hatte ich auch gar nicht im Kopf. Eines war klar, bald ging es abwärts. Passend dazu wechselte endlich der Untergrund von Forstweg auf Singletrail.

Also vielleicht war es mal ein Singletrail. Bevor es mehrere Tage geregt hat (und auch immer noch regnete). Die erste Pfütze war endlich erwischt und meine Füße nass. War aber auch kein Wunder, in den Trails stand das Wasser und wenn es da nicht stand floss es da durch. Der Matsch spritze beim durchlaufen in alle Himmelsrichtungen.

Es ging leicht abwärts und wir nahmen Tempo auf, so lange bis wir auf den rutschigen Singletrails auf eine größere Gruppe gestoßen sind. Während wir Anfangs noch 2-3 Leute überholen konnten, war es auf einmal vorbei. Teilweise konnten wir begab nur gehen – was es nicht angenehmer machte. Ein unbedachter Schritt auf eine nasse Wurzel reicht aus um kräftig ins schlingern zu kommen.

Auf einem extrem schmalen Trail schlängelt sich die Strecke hinab zur Partnach-Klamm. Unten kann man sie auch schon rauschen hören. So langsam nehmen wir wieder fahrt auf. Der rutschige Untergrund setzt allerdings meinen Beinen kräftig zu. Meine Salomon Sense Pro sind tolle Schuhe – aber für derartig schlammiges Terrain nicht 100% geeignet.

Der Wald spuckt uns aus, wir überqueren die Partnach und schon geht es wieder bergauf. Uff … hier muss ich wieder gehen. Der Downhill hat der Muskulatur etwas zugesetzt, nach der dritten Serpentine ist es also so weit – ich greife nach hinten und klappe meine Stöcke aus.

An der Partnachalm gibt es eine längere Pause. Erstmal die Softflasks befüllen, ein paar Bissen essen bevor es weiter geht. An dieser Stelle muss ich mir schon eingestehen, dass meine Muskulatur schon leicht beleidigt mit mir ist. Mit etwas Anlaufschmerz geht es aber weiter.

Vorerst wieder wellig mit leichten Anstiegen, aber wir laufen. Ein Blick auf die Uhr und die zurückgelegten Höhenmeter machen klar, bald nicht mehr.

Während wir leichte Anstiege nehmen kommt doch tatsächlich die Sonne durch. Hinter uns ein tolles Bild, Berg mit Schnee – mit etwas Sonne. Tatsächlich wird mir erst mal warm. Das hängt aber auch mit dem Anstieg zusammen.

Ich bin froh, die Stöcke dabei zu haben und schiebe mich den Wanderweg nach oben. Bachquerung hier, dort schon der ein oder andere schlammige Teil. Ein paar Läufer nutzen die Gelegenheit um zu überholen – noch geht das.

Je mehr die HM-Anzeige auf der Fenix aber ansteigt um so schwieriger wird es. Ich lasse Stephan vor, denn ich muss mich sichtlich quälen um nach oben zu kommen. Im Nachgang betrachtet wirklich Wahnsinn wie hoch der Puls bei so geringer Geschwindigkeit sein kann.

Die Sonne verschwindet wieder, der Trail auch – im Wald – ein einer größeren Staugruppe geht es jetzt den fiesesten Teil zum Längenfelder nach oben. Zick-Zack durch den Wald. Ach was sage ich Wald … es ist ein Sumpfgebiet am Steilhang.

Der gesamte Trail steht von unten bis oben unter Wasser. Anfangs versuche ich noch meine Schritte so zu setzen, dass mir der Siff nicht überall in den Schuh läuft, mit steigender Ermüdung, lasse ich das aber bleiben.

Ich tauche unter Kiefern durch, trete in klare Gebirgsbäche und versuche in dem schlammigsten Passagen nicht wegzurutschen. An den steileren Stellen ramme ich beide Stöcke in den Boden und ziehe mich nach vorne. Teilweise muss ich die Schritte extrem vorsichtig setzen, da die Sense Pro keinen Grip bieten. Vor allem wenn große kräftige Schritte nach oben zu machen sind, geht ohne die Stöcke gar nichts. Einmal rutsche ich kurz weg und sehe im geistigen Auge schon den Carbon-Stock zersplittern … gebogen hat er sich kräftig. Ging aber nochmals gut.

Von meiner Umwelt bekomme ich nicht viel mit, ich Blicke auf den Boden – suche den passenden Punkt um Stock und Fuß zu setzen. Dabei beobachte ich kleine Schlamm-Moränen, die ein Trailrunner vor mir wohl losgetreten hat, den Trail herunterfließen … direkt in meinen Schuh. Unter Bäumen hindurch, über Bäume drüber.

Weiter oben hört man schon Kuhglocken und eine Mega-Stimmung. Allerdings weiß ich aus Blogs, dass man sich nicht täuschen lassen soll. Ein kurzer Blick nach oben zeigt stets das gleiche Bild – Leute die auf den Serpentinen hin und her laufen … und sonst nichts.

Die Stimmen werden lauter und ich drücke mich weiter kräftig nach oben, rutsche hin und wieder weg und komme hin und wieder etwas näher. Als ich die ersten Leute oben sehen kann, ist die Erleichterung groß. Ich freue mich auf die VP und auf den letzten Anstieg.

Oben angekommen, laufen auf der anderen Seite erstaunlich viele Läufer wieder herunter – aber kann ja sein, immerhin sind wir weit hinten gestartet. Wir genehmigen uns ein paar Bissen und Schlucke. Während wir am VP9 stehen, zieht ein eisiger Nebel über den Berg.

Ein Schild hinter der VP verrät – die Runde um die Alpspitze bleibt heute gesperrt. Mein frösteln bestätigt diese Entscheidung. Nass bis auf die Knochen, wäre es da sicher unangenehm geworden. Also geht es direkt bergab.

Ich setze noch eine Nachricht an meine Frau ab, das ich früher im Ziel sein werde und versuche mit meinen eisigen Händen die Stöcke zusammenzuklappen. Gar nicht so einfach. Ebenso schwierig ist es die Oberschenkel zu motivieren Tempo aufzunehmen.

Stephan macht seinen Nick alle Ehre und erhöht auf dem Downhill kräftig das Tempo. Ich gehe noch mit während wir 5-6 Läufer überholen. Nachdem ich mich ein kurzes Stück hinter einem anderen einordnen muss, bis Platz ist, hat der Rennmops schon Top-Speed eingenommen und ist enteilt.

Downhill kann ich – aber eben Mittelgebirgsdownhill. Mal eben 1-2 Minuten irgendwo runterbrettern. Hier gilt es fast 900HM in 6km zu überwinden. Das geht mit weiten Sprüngen, gut gesetzen Schritten und elegantem tänzeln. Allerdings nur so lange, bis ich mich tatsächlich vertrete und mir ein beißender Schmerz in den rechten Knöchel fährt.

Verdammt – ich zucke kurz zusammen, laufe noch ein paar Meter bis zur nächsten Kehre und gehe auf die Seite. Es tut weh, aber ich kann laufen. Kurz Zähne zusammenbeißen und weiter. Die ersten Meter humple ich noch, dann nehme ich langsam wieder Tempo auf.

Etwas Schonhaltung muss sein, aber immerhin kann ich laufen, wenn ich es auch nicht laufen lassen kann. Ein zweites mal umknicken könnte so kurz vor dem Ziel das Ende sein! Meine Oberschenkelmuskulatur schreit auf, aber ich schiebe mich bergab.

Wir queren 2x einen Bergbach – dort bin ich besonders vorsichtig – nur nicht auf den Steinen ausrutschen. Es ist ziemlich steil – aber noch felsig, noch findet der Schuh sicheren Halt. Aber je weiter wir nach unten kommen, um so schlammiger wird es.

Zugspitz_Ultratrail_BasetrailXL-73Ich schalte das Hirn aus – sinnvollerweise müsste ich gehen, wenn ich keine Verletzung provozieren möchte. Irgendwie findet mein Unterbewusstsein aber den richtigen Weg. Jeder Schritt sitzt sicher, ich rutsche nicht und komme weiter voran.

Sobald wir Wiesen queren surfe ich leicht, kann aber noch das Gleichgewicht halten. Plötzlich geht es wieder einen Mini-Anstieg nach oben. Meine Beine quittieren meinen Laufversuch mit absoluter Verweigerung. Also erst mal gehen, dann Mini Schritte um danach wieder auf einer Matschpiste gen Tal zu segeln.

Der schlimmste Teil kommt aber kurz vor Schluss – ein Forstweg, auf dem die meisten die Mitte genutzt haben um herunter zu kommen. Meine Schuhe finden dort aber keinen Grip. Gefühlt ist es unglaublich steil (real wahrsch. weniger schlimm) und ich weiche in die Fahrtspur aus um im weichen Match Grip zu finden. Hier runter kann ich nur noch tippeln.

Unten stehen zwei Frauen mit Kuhglocke – die Erlösung, das Ziel kann nicht mehr weit sein. Ich nehme wieder den Laufschritt auf. Ab sofort geht es nur noch auf Asphalt dahin. Mit 5:30er Pace nähere ich mich Grainau – allerdings signalisiert mein Körper ziemlich genau was er davon hält – nämlich nix!

Der Puls knallt durch die Decke und die Beine schmerzen – ich muss 2-3x kurze Gehpausen einlegen bevor ich den Sprecher im Zieleinlauf hören kann. Diesmal nur kein Zielfoto des Grauens – ich reiße mich am Riemen und laufen so elegant wie möglich (=sterbendes Nilpferd) über die Ziellinie.

Wie von Sinnen irre ich erst mal durch die Menschenmenge, bis ich erst Stephan und danach meine Familie treffe. Was für ein irres Ding! Trotz gekürzter Basetrail (X)L Strecke waren es irgendwas um die 31km und 1.600HM. Mit 4:32h doch länger als gedacht (hatte für die ganze Strecke auf unter 5h gehofft) – und knallhart.

An dieser Stelle auch vielen Dank an Rennmops Stephan – es war mir eine Ehre und hat mächtig Spaß gemacht. #allebekloppt eben.


Und was bleibt?

Nach dem Zielbier, der Zielbratwurst und dem Ziel-Schüttelfrost inkl. Benutzung der Rettungsdecke musste ich erst mal gefühlt 30 Minuten unter die Dusche. Nach einem kurzen Power-Nap kehrte dann auch langsam sowohl Temperatur als auch Lebensgeister in mich zurück.


Den Rest des Tages verbrachte ich mit meiner Familie damit, mein Kaloriendefizit wieder aufzufüllen. Nach mehreren Stücken Kuchen und einem ausgiebigen Abendessen hieß es ab ins Bett um den wohlverdienten ZUT-Schlaf zu schlafen, während draussen bei Regen weiterhin die Ultras auf den schlammigen Trails unterwegs waren.

Der Tag danach brachte wenig Überraschung – nämlich Schmerzen … und was für welche. Nach #OchsenK30 hatte ich schon Muskelkater. Heute habe ich eine neue Dimension davon.

Die Strecke hat alles von mir verlangt, deswegen auch fieser Muskelkater in der Oberschenkel-Vorderseite. Etwas das ich sonst nicht kenne. Dank Stockeinsatz, nehme ich vom Basetrail XL auch etwas an den Armen und besonders viel an den Schultern mit. Dazu der schmerzende Knöchel.

der neue Salomon Schlamm Pro - nur echt mit der halben Zugspitze im Schuh

der neue Salomon Schlamm Pro – nur echt mit der halben Zugspitze im Schuh

Mein Allgemeinzustand und auch das Gefühl am großen Anstieg so viel Leistung verloren zu haben, zehrt heute schon leicht an mir. Ich hatte mir mehr erhofft, aber – sind wir mal ehrlich – unter den Bedingungen war nicht mehr drin. Mit Grundlagenausdauer und relativ wenig spezifischen Einheiten in den letzten Wochen habe ich das Maximum erreicht. Und das ich dafür an mein Limit gehen musste, lässt mich mein Körper heute spüren – ich habe sicher nichts verschenkt.

Trotz dieser leichten Verstimmung bin ich dennoch versöhnt aus Grainau abgereist. Aber eben verändert. Dieser Trailrunning-Zirkus, diese Stimmung, diese netten Leute, diese Strecke, diese Härte … all das hat in mir den Wunsch entfacht, nächstes Jahr wieder zu kommen … wieder Teil dieses Spektakels zu sein… und einige Sachen anders zu machen.

Und so geschehen manchmal beinahe automatisch Dinge. Mit dem Wunsch 2016 wieder zu kommen und den ZUT als richtigen Zielwettkampf zu betrachten, mit richtiger Formkurve und vor allem mit spezifischen Training und ohne viel Alternativtraining, war die erste Saisonhälfte 2016 schon fast fertig geplant.

Das ich dann auch gleich den Supertrail angehen möchte war wiederum klar. Nach fast 13h auf dem Rad weiß ich, das sich die Distanz eigentlich nur im Kopf abspielt – und letztlich ist das Event zu verlockend für „nur“ 4-5h.

Ich kann es selbst kaum glauben, aber während ich kaum aufstehen oder Treppen gehen kann, schmiede ich solche Pläne und ein nicht unerheblicher Teil der Twitterschaft, schmiedet mit. Dann bleibt ja für 2016 nur zu hoffen, dass das Wetter besser wird, denn etwas Abwechslung darf schon sein.

Noch nicht genug?

Weitere ZUT-Blogs gibt es hier:

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14 Comments

  1. Sehr eindrucksvoll dein Bericht! Dein Trainingsdefizit hast du ja schon ausgemacht bzw. am nächsten Tag gespürt :) Was dir fehlte waren Höhenmeter, aber klasse durchgebissen und darum geht es ja oftmals beim Laufen. Läufer laufen, Jogger lassen sich ins Ziel fahren ;)
    Ich hoffe dein Knöchel erholt sich schnell wieder, den Muskelkater gönne ich dir noch ein paar Tage. Genieß ihn, hast du dir verdient.

    • Danke – ich bin mir sicher, das Souvenier bleibt auch noch ein paar Tage. Andere brauchen dafür einen Marathon, ich schaffe das schon mit 31km :-)

      Was drohte, habe ich ja schon erlebt. Letzlich hätte ich den Ochsenkopf dieses Jahr besser ein paar mal queren müssen um auch auf entsprechende Downhill-Abhärtung zu kommen. Aber genau deswegen sehe ich das positiv.
      Und ein bisschen was hat das Training ja auch gebracht :-)

  2. Super Bericht Daniel. Ich hatte am Ferchensee mal einem mit einer orangenen Jacke auf die Schulter geklopft, warst aber nicht du. Wie ich auch auf den Bildern sehe, bin ich noch vor Euch und ohne Stau am ersten Anstieg kurz nach Mittenwald durch gekommen.

    Die steile Stelle kurz vor Schluss war wirklich sacksteil. Da musste ich sogar mal ein paar Meter rückwärts gehen, weil so steil und vorwärts wollten meine Muskeln nicht mehr mit machen. Ich würde sogar behaupten, dass war mehr eine Schuttrutsche als ein Weg. Unvorstellbar, wie man sowas nach 95km bewältigen soll.

    Cooler Spruch auch von einem Trailkollegen hinter mir: Es kann immer noch schlimmer kommen. Es könnte noch mehr regnen und es könnte dunkel sein!

    Viele Grüße, Felix

    • Wenn ich das bei Strava-Flyby richtig gesehen habe, bist Du ziemlich schnell losgekommen – wir hingen da kräftig hinten dran ;-)

      Den Gedanken an die Ultras – die dann da durchlaufen, wenn 1,5tsd Leute schon alles matschig getrampelt haben … bei noch mehr Regen, und kühler … und im Dunkeln … hatte ich auch ständig. Da bleibt nur noch absolute Bewunderung – das macht man dann, denke ich, hauptsächlich im Kopf.

  3. Mensch nach deinem Bericht habe ich nun richtig Lust auf Berge… und das als Flachlandkatze. Hoffe dein Knöchel hat sich beruhigt und der Muskelkater dich verlassen. Viel Spaß im nächsten Jahr.

    • So wie Dir ging es mir vor 2 Jahren – nach einem Jahr war aber kein entkommen mehr. Wirklich viel HM habe ich auch nicht trainiert – dafür müssen jetzt die Oberschenkel büßen. Aber machbar ist alles, vor allem mit der 25km Strecke.

      Der Muskelkater wird wohl noch 1-2 Tage bleiben, aber der Knöchel ist laufbar … in ein paar Tagen ist alles wieder gut.
      Danke für die Glückwünsche!

  4. Ein wunderbarer Bericht, von einem wunderbarem Menschen und Trailfuzzy geschrieben! Wir haben das Ding zusammen gerockt und ich konnte doch nichts dafür, dass du noch deine Schuhe binden musstest als ich schon auf dem Weg nach unten war. Wir sehen uns spätestens im nächsten Jahr (wir hoffen früher) wenn es wieder heißt: #twitterlaufftreff/#allebekloppt meets ZUT !

    • Jo #allebekloppt-Trailrunning-Crew on tour ;-) … es war mir eine Ehre … wäre Solo sicher nicht so spaßig gewesen. Und bergab … das lag sicher an dem Wunderschuh, muss ich auch mal testen :-)
      2016 is calling … spätestens!

  5. Wow, toller Bericht, super Leistung!
    Ich glaub, jeder Nicht-Läufer, denkt sich wenn er das liest:
    „Voll die Quälerei, könnte ich nie machen, warum tut man das?!“
    Und die Läufer denken sich:
    „Voll die Quälerei, Muss ich glaub ich auch haben :)“
    Gute Erholung, hast es dir verdient.

    Viele Grüße, Isa

    • Da ist was dran, wobei ich inzwischen aufgegeben habe zu verstehen, was Nicht-Läufer über mich denken. Vor allem nach der bisherigen Saison verstehe ich das selbst nicht immer *g*

      Wobei man durchaus sagen muss – und da möchte ich auch nicht untertreiben – selbst wenn man sich relativ schnell für so einen alpinen Trail anmelden kann, das Ding ist selbst auf der kurzen Strecke hart und man sollte wissen worauf man sich einlässt. Da gibt es nichts zu schönigen – wer beim Aufstieg zur VP Längenfelder ausrutscht oder einen Schritt falsch setzt der kann mal einen Abflug nach unten machen – zwar nicht lebensgefährlich, aber witzig ist sicher was anderes.

      Aber dafür betreiben die ganzen Blogger ja diesmal extreme Aufklärungsarbeit, die Berichte bei schönem Wetter lasen sich alle etwas anders. Diesmal wurde deutlich, das Ding ist in jeder Distanz eine Herausforderung.

  6. Moin Daniel. Cooler Bericht, der noch mehr Lust auf den Lauf macht. Ich hoffe, dass Dein Knöchel bald wieder fit ist und Du dein nächsten Ziel angehen kannst. So ein Bericht, der voll mit Freud und Leid ist, ist immer ein Lesegenuss :).

    Cheerio
    Sebastian

    • Danke … so langsam wird alles wieder besser. Und ja … für Leid bin ich immer zu haben :-)
      Ich bin gespannt wie es mit Deiner Entscheidung zum ZUT 2016 weiter geht. Bis zum Meldestart im Dezember ist ja noch etwas Zeit!

  7. Glückwunsch zum Durchstehen und danke für den schönen Bericht!

    Schade natürlich, dass ihr so ein mieses Wetter dort hattet. Die Berge hätte man im Sonnenschein sicher besser genießen können. Aber dann muss man in den kommenden Jahren eben wiederkommen, um auf besseres Wetter zu hoffen, hm? ;)

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